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Ein Gesellschaftsmärchen

31. Mai 2009
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Es war einmal ein Land, das sich um das Jahr 2010 entschloss, dem Credo der Globalisierung „Nur der günstigste Anbieter von Produkten oder Diensten kann im Wettbewerb bestehen“, nicht länger wie die Lemminge hinterherzutraben. Weise Köpfe schlugen den völlig entgegengesetzten Kurs ein, wohl wissend darum, sich in den ersten Jahren und evt. Jahrzehnten vom Ruf des Exportweltmeisters verabschieden zu müssen.

Anstelle des Rufs „Geiz ist geil“ eroberte der Slogan „Teuer ist geheuer“ den gesellschaftlichen Geist. Es war schon immer so, dass besondere Qualität, die Herstellung von Unikaten und hervorragender Service teurer waren als Automaten, Call-Center und Selbstbedienung. Die Menschen hungerten auch geradezu danach, endlich wieder hochwertige Lebensmittel einkaufen und auch freundlich und persönlich bedient werden zu können. Kindergärten, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, die das meiste und möglichst auch beste Personal einstellten fanden Zulauf, während die Mangelversorgung des Menschen in solchen ehemals vom Sparkurs beherrschten Einrichtungen ausstarb.

Arbeitgeber sahen ein, dass Menschen nur gern produzieren oder bedienen, wenn sie selbst auch in die Lage versetzt werden, sich hochwertige Ware und herausragenden Service leisten zu können, und erhöhten entsprechend deren Löhne und Gehälter. Sie erkannten auch, dass sie bislang nur sehr einseitig Flexibilität von ihren Arbeitnehmern gefordert hatten, selbst aber viel zu rigide und unflexibel auf den Bedarf ihrer Mitarbeiter reagiert hatten. Ein Arbeitnehmer, dem arbeitsfreie Zeit wichtiger war als mehr Geld, fand ebenso Berücksichtigung wie derjenige, der lieber samstags statt montags arbeitete oder derjenige, der aus persönlichen oder familiären Gründen phasenweise seine Arbeitszeit reduzieren wollte. Das Gefühl, wichtigen persönlichen Angelegenheiten auch nach Bedarf Priorität einräumen zu können und nicht nur nach Fremdmaßgabe funktionieren zu müssen, reduzierte die Burnouts und Depressionen um ein Vielfaches.

Die Unternehmen buhlten um die Kunden nicht länger nur nach dem günstigsten Preis, sie buhlten um die besten Mitarbeiter, wozu nicht unbedingt beste Schulabschlüsse und Weiterbildung herhalten mussten. Menschen, die handwerklich geschickt waren erhielten ebenso leicht wieder eine Chance wie jene, die ein Händchen für den Umgang mit Menschen hatten. Die Unternehmen buhlten um „besser“, „hochwertiger“, „persönlicher“, „einzigartiger“. Klassensysteme in den Sozialversicherungen wurden abgeschafft.

Argwöhnisch wurde dieses Land anfangs von den anderen Ländern beobachtet „Betreibt es etwa Protektionismus, weil es nicht mit dem Strom mitschwimmt?“ Ja, man übte gar Druck auf dieses Land aus, um es zurück in die Reihen der Lemminge zu zwingen, doch damit hatte man gerechnet und blieb überzeugt davon, dass ein Land mit zufriedenen Bürgern ein tragfähigeres Fundament schafft als all die Länder, die über Angst und Drohgebärden wegen der Globalisierung sich auf billigste Waren, Dienste und Löhne eingeschworen hatten.

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