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Wie gehaltvoll ist die Zeit?

14. April 2009
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Schon in jungen Jahren war mir klar, dass acht Stunden Arbeit am Tag neben Schlafen den Großteil meiner Lebenszeit ausmacht. In Frage stellte ich diese Tatsache nie, und so war mir als nächstes wenigstens klar, dass die Arbeit, die ich für meinen Lebensunterhalt ausführe – egal ob freiberuflich oder angestellt – mich wenigstens interessieren muss und die Rahmenbedingungen für mich stimmen müssen. Dies ließ sich für mich im vergangenen Jahrhundert auch realisieren, damit war im vergangenen Jahrhundert auch verbunden, das System und die sogenannten Werte unserer Gesellschaft nicht oder kaum in Frage in zu stellen.

Schleichend ist das gekippt, es begann mit der Aera Kohl, in deren Folge die Menschen auf die SPD setzten und dabei von Schröder und Konsorten wirtschaftsmarktliberal noch überholt wurden.

Was ist Zeit?

Gemeinhin versteht man darunter heute Uhrzeit und sie ist ein Gleichmacher unterschiedlicher natürlicher Zeiten. Natürliche Zeiten wie die zwischen Sonnenaufgang bis zum nächsten Sonnenaufgang und die für unsere Breitengrade typischen Jahreszeiten werden durch die Uhrzeit aufgehoben. Während alle frei lebenden Wesen sich diesen natürlichen Zeiten anpassen (dürfen), herrschen für den Menschen in unseren Breitengraden die gleichförmig tickenden Sekundenzeiger. So erklärt sich unter anderem auch, was vielen Menschen heute so fremd ist, die sogenannte „besinnliche Weihnachtszeit“? Die Menschen legen nicht mit Sonnenuntergang die Arbeit nieder. Auch schränkt die Jahreszeit nicht ihr Tätigsein ein. Kein Bauer hat je im Winter Felder bestellt. Während die Natur in eine Art Winterruhe (Winterschlaf) einkehren konnte, hatte der Mensch sich dazu zunehmend völlig antagonistisch zu verhalten.

Zeit als Maßeinheit

Die Uhrzeit ist eine Maßeinheit, die es ermöglichte, menschliches Sein und Handeln nach Dauer zu bewerten. Wie unnatürlich und damit unmenschlich diese Zeiteinheiten sind, wird am deutlichsten daran, wieviel Minuten ein ambulanter Pflegedienst für einzelne Pflegeeinheiten (Waschen, Kämmen, Umlagern usw.) überhaupt aufwenden DARF, um diese bezahlt zu bekommen. Jeglicher Mehraufwand für die fest definierten einzelnen Einheiten wird nicht vergütet.

Der Pflegebedürftige selbst wird damit auf die gleiche Stufe gestellt wie eine Ware am Fließband: jeder einzelne Handgriff darf die gesetzte Zeit nicht überschreiten, will man dem nächsten Kollegen am Fließband nicht in die Füße laufen. So argumentiert man auch bei der Pflege. „Verbraucht“ man zu viel Zeit bei einem Pflegebedürftigen, fehlt diese den nachfolgenden. Die Frage, ob entsprechend mehr Pflegepersonal nicht nur beschäftigt sondern auch bezahlt werden müsste, wird erst gar nicht erhoben. Es wird noch nicht einmal angedacht, ob man die gestatteten Zeiteinheiten verlängert, so dass dem Pfleger Luft bleibt.

Lebenszeit?

Abgesehen davon, dass einem versprochen wird, dass man sich nach einer festgesetzten Anzahl von Arbeitsjahren auf „wohlverdiente“ Rente oder Pension aus dem Arbeitsleben zurückziehen „darf“, sind die gesundesten Jahre dem Arbeitsleben zu verschreiben. Parallel wird immer mehr Arbeit gefordert. Viele finden schon nicht mehr in ihrer Vollzeitstelle ihr Auskommen und sind in Nebenjobs tätig. Das Maß an Zeit für andere gegen Geld wird ausgedehnt. Persönliche Bedürfnisse haben sich dem Zeitanspruch zur reinen Existenzsicherung zu beugen.

Das oben genannte Versprechen wird für immer weniger Menschen real, sei es, weil sie ihre Gesundheit in der Arbeit verschlissen haben, sei es, weil zunehmende Altersarmut immer mehr Menschen in Isolation und Ausgrenzung treibt. Schließlich kostet auch die Pflege sozialer Kontakte etwas und sei es eine Fahrkarte, oder einem Besucher ein Stück Kuchen oder ein Butterbrot anbieten zu können.

Wann ist Zeit gehaltvoll?

Als gehaltvolle Zeit definiere ich eine Zeit, die den vielseitigen Bedürfnissen eines Menschen nicht nur als (häufig nicht realisierbares) Versprechen in einer unabsehbaren Zukunft sondern in der Gegenwart gerecht wird. Und da wird es schwer für Maßeinheiten.

Bereits die grundlegenden Bedürfnisse sind unterschiedlich: der eine braucht durchschnittlich 8 Stunden, um ausgeschlafen zu sein, der andere 7 Stunden. Der eine Mensch ist ein guter Futterverwerter und kann Mengen essen, von denen ein anderer nur Übergewicht ansetzte. Der eine hat eine Familie und hat das Bedürfnis mehr von der Entwicklung seiner Kinder mitzubekommen, der andere hat einen kranken Partner, um den er sich mehr kümmern wollte. Ein Mensch, den seine Arbeit befriedigt, hat weniger Bedarf an Zeit für die Befriedigung ausgleichender und Zufriedenheit stiftender Bedürfnisse.

Ich möchte nicht wissen, wieviele Menschen an ihrem Lebensende die Frage stellen „Hätte ich doch …“ oder diese Frage verdrängen. Nach Maßeinheiten wie der Zeit lautet die an den Menschen gestellte Forderung „Funktioniere nach Normvorgaben“.

Wer kann das?

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