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Ausgetrocknet – verwüstet

11. April 2009

Nach einem Tag wie dem gestrigen, an dem ich mich durch Nachrichten und Diskussionen gelesen habe, fühle ich mich wie ausgetrocknet.

Gefühlt entspricht das, was Deutschland und etliche Länder betrifft, nicht einer Krise, die es lediglich zu überwinden gilt. Es entspricht einer Verwüstung. Die Verfilzung von Wirtschaft und Politik, von Kapitalvermögen und Politik schürt aus Eigeninteresse lediglich die Illusion, es handele sich um eine Krise, die es zu überwinden gilt, und ansonsten sei alles wunderbar.

Die Frage muss durchaus erlaubt sein, weshalb es als unantastbar gilt, dass einige wenige Menschen über den Erdball verteilt, Vermögen in schwindelerregender Höhe konzentrieren, während die anderen dazu angehalten werden sich abzustrampeln, um halbwegs oder überhaupt die Nase über Wasser  halten zu können.

In 20 Jahren ist das Verhältnis der Bezüge der Vorstände von Dax30-Unternehmen zu den Mitarbeiterlöhnen vom 14-Fachen auf das 44-Fache gestiegen – bei der Deutschen Post auf das 87-Fache und bei Metro gar auf das 140-Fache.

Wirtschaftswissenschaftler wie Hans-Werner Sinn(los) konstatieren, was letztlich die Grundschicht des Glaubens an den Kapitalismus ausmacht. Die Marktwirtschaft setze die Preise nach Knappheit fest. Da gute Manager knapp seien, erhalten sie schlichtweg mehr. Das regle schlicht der freie Markt. Das hieße natürlich auch, dass die „Überflüssigen“, die Zuvielen, wenig oder gar nichts kriegen. Seine simple Botschaft des kapitalistischen Sozialdarwinismus untermauert die Ideologe des angeblich freien Marktes, der ja großen Teils faktisch ein Konstrukt ist, dass die Alternative zu seiner Marktwirtschaft nur die staatlich kontrollierte Wirtschaft sei, bei der dann alle arm sind. Übersetzt lautet dies „Tastet nur ja nicht die Vermögensumverteilung an“.

Es wird höchste Zeit, Herr Sinn(los), dass genau dies geschieht!

Es wird nämlich auch damit argumentiert, dass die Vermögenden Werte schafften. Schauen wir uns das doch mal näher an.

Wenn ein Manager, also eine Privatperson, sagen wir 500.000 € pro Monat an Gehalt bezieht, was kann er mit dieser Masse an Geld anfangen? 6 Millionen Euro im Jahr können sich Jahr für Jahr noch nicht einmal über Luxus verprassen lassen. Es lässt sich evt. in einem Casino verprassen. Wahrscheinlicher ist, dass diese Privatpersonen den Überschuss für sich privat anlegen in Aktien, Immobilien usw. Das sind keine Werte, die der Gemeinschaft dienen, sie dienen dieser einzelnen Privatperson.

Solche Spitzengehälter wurden jedoch von vielen erarbeitet, die nicht nur nicht beteiligt werden an dem Erfolg eines Unternehmens. Diese Werte fließen auch nicht in das Unternehmen, allenfalls wird ein Teil des Privatvermögens in Form von Aktien angelegt. Aktien, die solche Manager auch schnell abzustoßen verstehen, wenn das jeweilige Aktienunternehmen strauchelt oder kriselt. Der blöde Angestellte oder Arbeiter zahlt die Zeche.

Gestützt wird diese Umverteilung von den Politikern. Erstens werden Parteien mit satten Spenden von der Wirtschaft bedacht. Wer wagt es schon seine Gönner zu verprellen. Zweitens winken den meisten Abgeordneten lukrative Pöstchen, wenn nicht bereits während ihrer Abgeordnetenkarriere so danach, damit es nicht zu sehr auffällt. Nicht nur der Politikwissenschaftler Hans Herbert von Arnim spricht von Korruption in breitem Ausmaß, auch der Journalist Jürgen Roth beschreibt in „Der Deutschlandclan“ das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz.

Würde Silvio Berlusconi Nachhilfe in Sachen mafiöser Strukturen brauchen, müsste er nach Deutschland kommen. Da werden Flugreisen von Politikern wie Johannes Rau oder Wolfgang Clement von der WestLB bezahlt, während man Zeugen der Flüge mundtot machen will; ist das Scheffeln von Millionen durch Förderung der Korruption in Konzernen wie Dresdner Bank oder DaimlerChrysler mittlerweile an der Tagesordnung; werden Anleger eines Versicherungskonzerns um Millionen betrogen, und nicht nur ein ehemaliger Verteidigungsminister ist involviert, sondern auch die Justiz schaut nur zu. Bestsellerautor Jürgen Roth zeigt in seinem neuen Buch, wie ein engmaschiges Netzwerk aus hochrangigen Politikern, führenden Konzernchefs und toleranten Justizbehörden die Deutschland AG mit Methoden beherrscht, die eines Rechtsstaats unwürdig sind. Wer wen erpreßt, wer die Drahtzieher anrüchiger Deals sind und warum die Justiz nicht ermittelt – dieses Buch enthüllt anhand bisher unbekannter Dokumente Gaunerkartelle, Korruptionsaffären und Verstrickungen von Ministern, Top-Managern und Staatsanwälten.

Meine Hoffnung ist, dass die Wirtschaftskrise nicht aufzufangen ist, dass dieses gesamte System derart vor die Wand fährt, damit endlich die richtigen Fragen und damit auch menschenwürdige und gerechtere Lösungen gefunden werden.

An Unverfrorenheit nicht zu überbieten

Was jedoch an Unverforenheit nicht zu überbieten ist, das ist, dass sich diese Vermögenden noch nicht einmal dafür einsetzen, dass wenigstens die Arbeitslosen menschenwürdig und mit Achtung behandelt werden. Sie haben die Macht, aber sie nutzen sie nur für sich. Sie lassen es zu, dass es in Deutschland wieder eine Menschengruppe gibt, die stigmatisiert und bevormundet werden darf. Wie einst den Juden, so schreibt man heute den Arbeitslosen vor, was ihnen überhaupt noch erlaubt ist. Wie einst bei den Juden, greift man in erworbene Besitzstände hinein und enteignet das Wenige, das überhaupt vorhanden ist. Lediglich die Gruppe, auf die sich eindreschen lässt, die man treten darf, hat sich geändert. Der Jude als Sündenbock im Nationalsozialismus ist heute der Arbeitslose als Sündenbock im Kapitalismus, genauso unschuldig an der wirtschaftlichen Misere wie einst der Jude.

Ich bin angewidert von dem Land, in dem ich lebe.

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5 Kommentare leave one →
  1. catcam permalink
    11. April 2009 12:28

    Abgesehen davon, daß mir die Beschwörung des Stereotyps „der Jude“ nicht gefällt und dieser Mißstand gegen Schluß stilistisch abtörnt, erscheint mir ihr Beitrag interessant und informativ. Geht mir auch so ähnlich, wenn mir ständig die Luft ebgedreht wird.

    • phantom2010 permalink*
      11. April 2009 17:21

      Mir drängt sich im Vergleich dieses Stereotyp förmlich auf. Vor allem, wenn sich einige Politiker befleißigen, Überlegungen anzustellen, wie sich auf Arbeitslose Druck und Zwang noch erhöhen lassen, ungeachtet der Tatsache, dass sich Arbeitsplätze, die das Auskommen gewährleisten, nicht aus dem Boden stampfen lassen.

  2. greensocial permalink
    11. April 2009 19:14

    „ich bin angewidert von dem Land, in dem ich lebe“… schade!

    Letztlich muss es doch darum gehen, zu gestalten – und damit zu verbessern, oder?
    Ich denke schon, dass wir die Chance haben, vieles in Deutschland zu verbessern: Durch einfach Maßnahmen kann man häufig allen einen Gefallen tun, der ganzen Gesellschaft – sozial, ökologisch, auch ökonomisch (also wirtschaftlich).

    Man müsste es nur tun und nicht wie unsere inkompetente Bundeskanzlerin Dr. Merkel dem gescheiterten Neoliberalismus jeden Abend eine Kerze ins Fenster stellen.
    Hätten wir einen sozialdemokratischen Bundeskanzler, wäre wenigstens da eine Besserung. Und davon ausgehend kann man sich dann effektiv den gesellschaftlichen Problemen widmen.

  3. phantom2010 permalink*
    11. April 2009 19:45

    Stimmt, ich korrigiere: Ich bin angewidert von den Machenschaften von Politik und Wirtschaft in Deutschland.

    Aber hör mir auf mit Sozialdemokraten. Schröder und Konsorten haben ja noch die FDP in Sachen Wirtschaftsliberalismus überholt.

Trackbacks

  1. Power To The People « CatCam

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