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Wem gehört die Welt?

30. Juli 2009

Ebenfalls von Silke Helfrich (siehe vorherigen Beitrag) stammt das Buch „Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter“.

Im Geiste Jean Jacques Rousseaus, der schrieb „Der erste, welcher ein Stück Land umzäunte, es sich in den Sinn kommen ließ zu sagen: Dieses ist mein, und einfältige Leute antraf, die es ihm glaubten, der war der wahre Stifter der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viel Verbrechen, Kriege, Morde wieviel Elend und Greuel hätte der dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen, den Graben zugeschüttet und seinen Menschen zugerufen hätte: ‚Glaubt diesem Betrüger nicht, ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören, der Boden aber niemandem!‘ „ stellt dieses Buch in Frage, was aus Tradition und Gewohnheit viel zu wenig in Frage gestellt wird: „Wie rechtfertigt sich Privateigentum an Gemeingütern?“

In über 30 Einzeltexten zum Thema Allgemeingüter und dem Umgang damit lautet die Antwort: „Gar nicht!“

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Gemeingüter, Bürgerschaft und Eigentum

  • David Bollier – Gemeingüter – eine vernachlässigte Quelle des Wohlstands, S. 28
  • José Esteban Castro – Gemeingüter und (Staats-)Bürgerschaft, S. 39
  • Federico Heinz – Freie Software – Vom Elfenbeinturm auf unseren Schreibtisch, S. 51
  • Ulrich Duchrow – Kann ein Mensch seine Mutter besitzen?, S. 56
  • Silvia Ribeiro und Pat Mooney – Der manipulierte Geist, S. 67
  • Achim Lerch – Die Tragödie der »Tragedy of the Commons«, S. 85
  • Yochai Benkler – Die Politische Ökonomie der Gemeingüter, S. 96
  • Ariel Vercelli und Hernán Thomas – Die Gemeingüter überdenken, S. 103

Entgrenzungen und Eingrenzungen

  • Margit Osterloh und Roger Lüthi – Gemeingüter und Innovationen, S. 118
  • Frank Augsten – Die Bodenfrage neu stellen: Aber wie?, S. 126
  • Leticia Merino – Forstgemeinschaften in Mexiko, S. 134
  • Jean Pierre Leroy – Die Hüter unserer Zukunft – Territorialpolitik in Gurupá, S. 138
  • Michael Earle – Fischen in der Allmende, S. 145
  • Sunita Narain – Wenn Märkte wirklich für Menschen arbeiten, S. 149
  • Gregor Kaiser – Genbanken – Die Archivierung des kulturellen Erbes, S. 152
  • Anita Idel – Tierische Perspektiven – Erhalt und Entwicklung genetischer Ressourcen, S. 156
  • Andrea Lenkert-Hörrmann und Ursula Hudson – Zur Wiederentdeckung kulinarischer Traditionen, S. 164
  • Oliver Moldenhauer und Katrin Hünemörder – Patente gefährden die Versorgung mit Medikamenten, S. 167
  • Jamie Metzl – Schöner neuer Weltkrieg, S. 172
  • Catharina Maracke und John Hendrik Weitzmann – Creative Commons – ein rechtliches Laienwerkzeug in der digitalen Welt, S. 178
  • Andreas Poltermann – Die Wissenschaftsallmende – Vom Urheberrecht zu Open Access, S. 183
  • Petra Buhr und Julian Finn – Gegen Zäune und Schranken: Eine Flatrate für die kulturelle Allmende, S. 190
  • John Wilbanks – Was sind Science Commons?, S. 194
  • Lisa Thalheim – Trusted Computing, S. 199
  • Richard Stallman – Das Recht zu lesen, S. 203
  • Christian Siefkes – Die Commons der Zukunft, S. 208

Institutionen des Commons-Managements

  • Elinor Ostrom – Gemeingütermanagement – Perspektive für bürgerschaftliches Engagement, S. 218
  • Jörg Haas und Peter Barnes – Die Atmosphäre als Gemeingut – Zukunft des Europäischen Emissionshandels, S. 229
  • Ulrich Brand – Das Zusammenwirken von Bewegungen, Commons als kritisch-emanzipatorische Weltsicht und strategische Perspektive, S. 237
  • Ulrich Steinvorth – Zwei Wurzeln der Allmendebewegungen, eine Politik, S. 245

Silke Helfrich und Jörg Haas – Statt eines Nachworts: Gemeingüter – Eine große Erzählung, S. 251

Vandana Shiva – Schützt die Gemeingüter, S. 270

Commons in Links /Literatur /Autorinnen und Autoren, S. 275

__________________

Das Buch steht (als erstes Buch im Oekom-Programm) unter eine CC-Lizenz, leider unter einer der restriktivsten. Aber diese Lizenzierung sollte dennoch als Erfolg gewertet werden, und das Papier der Bücher ist ja auch garantiert nachhaltig erzeugt worden. Um den Verlag bei der Verbreitung des Buches zu unterstützen, hier der Link zum Download von CC-DE.

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Gemeingüter stärken. Jetzt!

30. Juli 2009

Gemeingüter

Gemeingüter

„Gemeingüter sind Räume, in denen wir frei sind.”
Yochai Benkler

Wie die Krise das Netz unserer Gemeingüter sichtbar macht

Die Explosion von Wissen, Technologie und Produktivität ermöglichte in den vergangenen zweihundert Jahren eine nie gesehene Mehrung privaten Reichtums. Dies hat unsere Lebensqualität in vielerlei Hinsicht verbessert. Doch zugleich haben wir zugelassen, dass die Quellen versiegen und der gesellschaftliche Reichtum schwindet. Das führen uns die vielfach miteinander verbundenen Krisen vor Augen. Die Krise der Finanzen, der Wirtschaft, der Ernährung, der Energie und der ökologischen Lebensgrundlagen. Sie schärfen das Bewusstsein für die Existenz und die Bedeutung der Gemeingüter. Natürliche Gemeingüter sind notwendig für unser Überleben, soziale Gemeingüter sichern den Zusammenhalt und kulturelle Gemeingüter sind Bedingung für unsere individuelle Entfaltung. Es ist an der Zeit, unseren Enthusiasmus und unsere Kreativität, unsere Mittel und Talente auf die Mehrung des gemeinschaftlichen Reichtums zu konzentrieren. Wir müssen die Strukturen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Blick auf dieses Ziel verändern.

Mehr gesellschaftlicher Wohlstand statt mehr Bruttoinlandsprodukt! Wenn die Wachstumskurve knickt und das Bruttoinlandsprodukt sinkt, erscheint uns dies bedrohlich. Doch die Erscheinung trügt. Das Bruttoinlandsprodukt bildet lediglich Produktionszahlen und Geldflüsse ab, egal ob diese mit der Herstellung von Dingen verbunden sind, die wir zum Leben brauchen oder mit der Zerstörung derselben. Gesellschaftlicher Wohlstand wird dadurch nicht erfasst. Eine Minderung des Bruttoinlandsprodukts ist nicht unbedingt mit einer Minderung des wirklichen Reichtums einer Gesellschaft verbunden. Dies zu erkennen, weitet den Blick.

Gemeingüter bieten Wege aus der Krise, aber sie haben keine systematische Anwaltschaft. Es gibt in unserer Sprache nicht einmal einen machtvollen Begriff für sie. Diese Wortmeldung ist unser Beitrag, den Gemeingütern eine Stimme zu geben.

Was Gemeingüter ausmacht und warum sie wesentlich sind

Gemeingüter (Commons, Allmende) sind vielfältig. Sie sind Grundbestand und Voraussetzung unseres gemeinschaftlichen Reichtums. Dazu gehören Wissen und Wasser, Saatgut und Software, Kulturtechniken und die Atmosphäre. Gemeingüter sind unabdingbar, doch sie sind kein Ding, denn sie sind mit uns in vielfältiger Art und Weise verbunden. Sie bilden das Netz einer freien Gesellschaft.

Gemeingüter gehören keinem Einzelnen, aber auch nicht niemandem. Sie werden in unterschiedlichen Gemeinschaften, von der Familie bis zur Weltgesellschaft, geschaffen, erhalten, gepflegt und immer wieder neu definiert. Wenn dies nicht geschieht, verkümmern sie. Mit ihnen schwindet unsere Lebenssicherung. Gemeingüter sind Bedingung dafür, dass Menschen leben und sich entfalten können. Die Vielfalt der Gemeingüter bedeutet Zukunft.

Gemeingüter sind Grundlage jeden Wirtschaftens. Sie müssen deshalb auch Ergebnis unseres Tuns sein. Wir müssen Gemeingüter ständig reproduzieren, denn wir verwenden überliefertes Wissen und verfügbare Rohstoffe zur Herstellung von Konsumgütern, für Kultur und Bildung. Unser Sozialwesen bettet den Wirtschaftsprozess in das gesellschaftliche Zusammenleben ein. Raubbau an den Ressourcen, Scheitern von Bildung, fehlende Kreativität oder dauerhaft gefährdete soziale Bindungen beeinträchtigen das Gesamte. Ohne vitale Gemeingüter, ist keine Produktion möglich. Unternehmen können ohne Gemeingüter kein Geld verdienen.

Gemeingüter werden oft verdrängt – erst aus dem Leben selbst, dann aus unserem Bewusstsein. Ein Grund für diese Erosion ist das Beanspruchen eines grenzenlosen Verfügungsrechts Einzelner über die Dinge. Doch wo faire Nutzungsrechte von Wasser und Saatgut im ökonomischen Kalkül oder durch staatliche Willkür beschnitten werden, wo Raubbau unser natürliches Erbe zerstört, wo Bresche um Bresche in öffentliche Räume geschlagen wird, wo Patentierung von Software Kreativität und Wirtschaft beschränkt, wo verlässliche Netze fehlen, da nehmen Abhängigkeit und Unsicherheit zu.

Es gibt etwas Neues. Eine gesellschaftliche Bewegung!

Es ist eine Bewegung, die Aufhebenswertes erinnert. Eine Bewegung, die würdevolles Leben erkämpft und Neues schafft. Eine Bewegung, die den Horizont dessen zeichnet, was in einer Kultur der Gemeingüter möglich ist.

Gemeingüter werden wiederentdeckt und verteidigt. Menschen in aller Welt wehren sich gegen die Risse im Netz, das sie trägt: Gegen Staudamm- und Bergbauprojekte, die Leben und Land zerstören. Gegen ein Wirtschaften, das dem Klimawandel Vorschub leistet. Gegen das Zwängen von Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen in profitorientiertes Denken. Gegen die Manipulation unseres Erbguts und die überzogene Einschränkung unseres Zugangs zu Wissen und Kultur. Die Menschen beanspruchen das, was ihnen zusteht: sei es als Bürgerinitiative für die Rückgewinnung der kommunalen Wasserversorgung, als indigene Gemeinschaft im Amazonasbecken oder als weltumspannende Bewegung für Klimagerechtigkeit und ein freies Internet.

Gemeingüter werden neu geschaffen und aufgebaut. Unzählige Menschen schaffen Neues für alle und beziehungsreiche Orte für sich. Sie investieren Energie in interkulturelle Gärten, betreiben nachhaltigen und ökologischen Landbau oder entwerfen intergenerationelle Wohn- und Arbeitsprojekte. Sie erstellen freie Software und freies Wissen, schaffen freie Filme, Musik und Bilder. So entsteht ein für alle verfügbarer Schatz an freier Kultur. Gepflegt und erweitert von vielen, unverzichtbar wie die Wikipedia. Wissenschaftler und Aktivistinnen, Bürger und Politikerinnen entwickeln neue Ideen für eine robuste Sphäre der Gemeingüter – überall.

Gemeingüter werden gepflegt und kultiviert. Menschen unterhalten Nachbarschaftseinrichtungen in ihrem Stadtteil, betreuen Spielplätze, gründen Bürgerstiftungen, überliefern und erweitern Kulturen, Geschichten und Erinnerungen. Sie engagieren sich für das Gemeinwohl und nehmen den Staat in die Pflicht. Dafür bekommen sie etwas zurück, denn in einer Kultur der Gemeingüter leben, heißt geben und nehmen. Das begründet Rechte und Pflichten zugleich. Der Einsatz für unseren gemeinschaftlichen Reichtum wird getragen von der Erkenntnis, dass die gegenwärtige Form des Wirtschaftens unsere Lebensgrundlagen gefährdet. Dieser Einsatz entspricht dem Wunsch nach Kreativität und Inspiration, nach Selbstentfaltung in sozialen Beziehungen, nach Achtsamkeit und gegenseitiger Anerkennung. Es geht um Einfaches: Um das Bedürfnis voneinander zu lernen und die Dinge vortrefflich um ihrer selbst Willen zu gestalten.

Gemeingüter inspirieren und verbinden. Sie zu berücksichtigen erfordert einen grundsätzlich anderen Ansatz im Erkennen und Handeln. Gemeingüter beruhen auf Gemeinschaften, die sich kümmern, eigene Regeln setzen, ihre Fertigkeiten und Wertvorstellungen ausbilden. In diesen immer neuen, durchaus konfliktreichen Prozessen entsteht Einbindung in das jeweils Größere. In einer Kultur der Gemeingüter ist Einschluss wichtiger als Ausschluss, Zusammenarbeit wichtiger als Konkurrenz, Autonomie wichtiger als Kontrolle. Aus der Absage an Monopolisierung von Informationen, Reichtum und Macht entsteht Vielfalt immer wieder neu. Natur erscheint nicht als allseits verfügbares Eigentum, sondern als gemeinsame Lebensgrundlage.

In einer Kultur der Gemeingüter leben meint: Gegenseitige Verantwortung anstatt Herrschaftsethik, Fairness und Gerechtigkeit anstatt einseitige Nutzenoptimierung, wechselseitige Abstimmung anstatt Alleingang.

Es geht um die großen Gerechtigkeitsfragen unserer Zeit. Niemand darf den Gemeingütern mehr entnehmen, als er an sie zurück gibt. Das gilt für Marktteilnehmer wie für den Staat. Wer die Gemeingüter füllt, anstatt nur aus ihnen zu schöpfen, verdient Prestige und gesellschaftliche Anerkennung. Das Handeln der Wirtschaft, des Staates und des einzelnen Menschen den Gemeingütern zu verpflichten, muss zur Grundlage wirtschaftlichen, politischen und persönlichen Erfolgs werden.

Weder Niemandsland noch schrankenloses Eigentum

Für Gemeingüter ist nicht allein die Rechtsform des Eigentums entscheidend. Entscheidend ist, ob und wie gemeinschaftsorientierte Nutzungsrechte an Gemeingütern durchgesetzt und gesichert werden. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“ (Art 14 Abs. 2 GG). Diese im Grundgesetz verankerte Einschränkung benennt die Grenzen der Verfügbarkeit des Einzelnen an unserem gemeinschaftlichen Reichtum. Denn jede individuelle Nutzung beinhaltet auch die Nutzung dessen, was uns gemeinsam zugehörig ist. Mit meinem Mobiltelefon funke ich durch das elektromagnetische Spektrum. Mein Auto belastet unsere Luft. Ein markanter Einfall kennzeichnet mein Werk, doch ich schöpfe es auch aus dem öffentlichen Wissensfundus. Die Nutzungsrechte der Allgemeinheit sind Stoppschilder für individuelle Nutzungsrechte.

Exklusive, andere ausschließende private Eigentumsrechte an Gemeingütern kann es daher nicht geben. Egal, ob die entsprechenden Dinge materieller oder immaterieller Natur sind; ob sie der natürlichen, kulturellen oder sozialen Sphäre zugehören. Um Übernutzung und Unternutzung – die dramatische Plünderung der Fischbestände oder das Verwaisen von Werken – zu vermeiden, ist jegliche Eigentumsform mehr denn je an zwei Bedingungen zu messen:

  • Zum einen muss bei jeder Nutzung gewährleistet sein, dass Gemeingüter nicht in ihrem Bestand zerstört oder verbraucht werden.
  • Zum anderen muss gewährleistet sein, dass niemand, der anspruchsberechtigt oder auf die jeweiligen Gemeingüter angewiesen ist, von Zugang und Nutzung ausgeschlossen wird.

Zugang und Nutzung sind deshalb so zu gestalten, dass Gemeingüter bewahrt und gepflegt, sowie weiterentwickelt werden können. Dies sind die Prinzipien der gerechten Teilhabe und der Nachhaltigkeit.

Was öffentlich war oder öffentlich finanziert ist, muss öffentlich zugänglich bleiben. Nur so kann etwa die vom Gemeinwesen getragene Forschung allen dienen. Es gibt keinen überzeugenden Grund, Verleger oder Pharmakonzerne mit exzessiven und exklusiven Verwertungsrechten an öffentlichen Forschungsergebnissen auszustatten. Dennoch geschieht es. Das Ergebnis: der Allgemeinheit nahezu unzugängliche wissenschaftliche Zeitschriften und überteuerte Preise für lebenswichtige Medikamente. Die Alternativen entstehen aus der Bewegung für Gemeingüter. Das belegen zahlreiche Projekte für gerechtere Lizenz- und Anreizmodelle in Wissenschaft und Kultur.

Die Besinnung auf Gemeingüter zwingt zu einer grundsätzlichen Neuausrichtung des herrschenden Eigentumsbegriffs. Die verwertungsorientierte Verfügung über Gemeingüter hat gravierende Nachteile für die Mehrheit der heute und morgen lebenden Menschen. Das zeigen der Klimawandel und der erschöpfende Verbrauch natürlicher Ressourcen ebenso wie die Finanzwirtschaft, deren Profitstreben sich verselbständigt hat. Unsere Lebensqualität wird aber auch dadurch eingeschränkt, dass Wissen exzessiv kommerzialisiert und künstlich verknappt wird. So erstarren unsere Kulturgüter zur Ware und Werbung besetzt den öffentlichen Raum.

Gemeingüter sind Grundlage des Lebens im doppelten Sinne. Ohne natürliche Gemeingüter kein Überleben. Ohne kulturelle Gemeingüter kein Mensch-Sein. Alle sind von den hier aufgeworfenen Fragen unmittelbar berührt. Die Unternehmen brauchen Gemeingüter, um in Zukunft noch Geld zu verdienen. Wir alle brauchen sie zum (Über-)Leben. Das ist eine wesentliche Erkenntnis, sie begründet, warum bei Gemeingütern die Nutzungsrechte der Allgemeinheit immer höher zu bewerten sind als die Nutzungsrechte privater Unternehmen. Hier hat der Staat eine Schutzpflicht, aus der er nicht entlassen werden darf. Doch dies bedeutet nicht, dass der Staat immer der beste Treuhänder für die Interessen der betroffenen Menschen ist. Die Herausforderung besteht darin, ergänzende Institutionen und Organisationsformen sowie innovative Zugangs- und Nutzungsregeln für Gemeingüter durchzusetzen – nicht nur, aber auch jenseits von Markt oder Staat: „Zum Wohle der Allgemeinheit“.

Für eine Gesellschaft, in der Gemeingüter gedeihen

So verschieden die Gemeingüter und die Menschen, so verschieden die Organisationsformen der Nutzergemeinschaften. Sie begegnen uns überall: selbstorganisiert und vielgesichtig. Als Vereine, private Agenturen, Netzwerke, Kooperativen, Genossenschaften und treuhänderische Organisationen. Als überschaubare Hofgemeinschaft oder internationale Freie Software Bewegung. Ihre Regeln und ihre Ethik erwachsen aus den Bedürfnissen und den Organisationsprozessen der jeweils Betroffenen. Wer einem Gemeingut direkt verbunden ist, sollte an der Aushandlung und Umsetzung dieser Regeln beteiligt werden.

Vertretungen der Gemeingüter haben nicht ein Zentrum, sondern viele Zentren. Wir brauchen sie lokal, regional und global. Konflikte können in übersichtlichen Gemeinschaften und Gemeingütersystemen direkt geklärt werden. Doch für globale Gemeingüter können sie eine fast unlösbare Herausforderung darstellen, denn wo kommt die „Weltgemeinschaft“ wirklich zusammen? Wie soll sie sich auf die nachhaltige Nutzung ihrer gemeinschaftlichen Ressourcen einigen? Je komplexer das System, umso notwendiger ein institutioneller, transparenter Rahmen für den sorgsamen Umgang mit Gemeingütern. Wo der Staat dies leistet und Gemeingüter schützt, wird staatliches Handeln von der Gesellschaft getragen werden.

Gemeingüter brauchen mehr als nur Regeln. Wir müssen uns bewusst machen, dass Regeln die Kunst ihrer sachgerechten Anwendung voraussetzen. Gemeingüter werden getragen von einem spezifischen Ethos sowie vom Willen zum Erwerb und zur Weitergabe unzähliger Fertigkeiten. Diese besondere Kundigkeit braucht einen angemessenen Platz in unserer Gesellschaft. Eine Kultur der Gemeingüter beinhaltet deshalb die öffentliche Wertschätzung und die aktive finanzielle und institutionelle Förderung jener Ansätze und Projekte, die Wissen und Werte für eine lebendige Gemeingütersphäre vermitteln.

Konflikte sind Teil der Vielfalt und ständigen Reproduktion der Gemeingüter. Ergänzend zu rechtsstaatlichen Verfahren setzt Konfliktschlichtung hier institutionelle Neuerungen voraus; Zukunftsräte und Mediationsstellen, interdisziplinäre Netzwerke und Treuhänder. Sie alle entstehen nach Bedürfnis- und Konfliktlage immer wieder neu. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in erster Linie eines leisten müssen: den Gemeingütern eine starke Stimme verleihen!

Sich der Gemeingüter besinnen heißt: unsere Lebensbedingungen bewusst zu machen und auf allen Ebenen zu erforschen, wieviel Produktivität und Reichtum wir aus den Gemeingütern schöpfen. Es erfordert ein grundständiges Nachdenken über die Verfasstheit der Gesellschaft. Es heißt, in Freiheit und selbstbestimmt unseren gemeinschaftlichen Reichtum nutzen, teilen und mehren. Das ist viel Arbeit, doch zugleich eine große Bereicherung.

Unsere Gesellschaft brauchen eine große Debatte und eine allgegenwärtige Bewegung für Gemeingüter. Jetzt!

Dr. Frank Augsten (Bündnis 90/Die Grünen, Landessprecher Thüringen)
Petra Buhr (Wissenallmende-Report.de)
Dr. Hans-Joachim Döring (Beauftragter der EKM für Entwicklung und Umwelt)
Prof. Dr. Ulrich Duchrow (Theologie, Universität Heidelberg)
Fritjof Finkbeiner (Global Marshall Plan Initiative)
Lili Fuhr (Heinrich-Böll-Stiftung)
Andrea Goetzke (newthinking communications)
Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Schweisfurth-Stiftung)
Jörg Haas (Klimaschutzexperte)
Benedikt Härlin (Zukunftsstiftung Landwirtschaft)
Hermann Graf Hatzfeldt
Silke Helfrich (Bildungsreferentin, Publizistin)
Kathrin Henneberger (Grüne Jugend)
Gregor Kaiser (Sozialwissenschaftler, Forstwirt)
Dr. Wolfgang Kessler (Chefredakteur Publik Forum)
Prof. Dr. Rainer Kuhlen (Informationswissenschaft, Universität Konstanz)
Julio Lambing (e-5 European Business Council for Sustainable Energy)
Berthold Lange (Freiburger Kantstiftung)
Prof. Dr. Bernd Lutterbeck (Technische Universität Berlin)
Annette Mühlberg (Netzwerk Neue Medien, nnm)
Rainer Rehak (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie)
Prof. Dr. Wolfgang Sachs (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie)
Jill Scherneck (Heinrich-Böll-Stiftung)
Christoph Schlee (Netzwerk Grundeinkommen)
Dr. Christian Siefkes (Softwareentwickler, Autor)
Malte Spitz (Mitglied des Bundesvorstandes Bündnis 90/Die Grünen)
Prof. Dr. Ulrich Steinvorth (Philosoph, Universität Bilkent)
Dr. Antje Tönnis (GLS Treuhand)
Barbara Unmüssig (Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung)

Das Thesenpapier entstand in kollektiver Autorenschaft im Rahmen des Interdisziplinären Politischen Salons der Heinrich-Böll-Stiftung „Zeit für Allmende“ 2008/2009.

Dieses Werk wird unter den Bedingungen der „Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen Deutschland“-Lizenz (abgekürzt „CC-BY-SA“) in der Version 3.0 veröffentlicht. Den Text der Lizenz erhalten Sie unter der URL http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/. Die Vervielfältigung, Verlinkung und schöpferische Fortentwicklung dieses Dokuments ist ausdrücklich erwünscht.

Text als PDF-Datei

Quelle: Silke Helfrich CommonsBlog

Tamtam um Arbeitsplätze

11. Juni 2009

Was geht mir Opa Steinmeier auf den Keks! Er ereifert sich wie ein Prediger auf der Kanzel als Hüter der Religion Ideologie „Arbeit“. Arbeit um jeden Preis. wie um einen Götzen wird um die herumgeturnt, die eventuell (die Betonung liegt auf „eventuell“) Arbeitsplätze erhalten können. Man ist zu Opfergaben bereit und – für Ideologien (fanatisch verteidigte Religionen) typisch – erklärt diejenigen, die sich nicht erpressen lassen wollen zu Sündern und Abtrünnigen, die der nur der Teufel geschickt haben kann.

Ich kann nur jedem empfehlen, sich mit der Geschichte der Arbeit zu befassen, da läuft es einem kalt den Rücken herunter, wie vor ein paar hundert Jahren bereits die Menschen auf effektive Arbeitstiere getrimmt wurden, wie Arbeit verherrlicht und mit Attributen versehen wurde, die völlig im Gegensatz zu der bis zur Renaissance herrschenden Auffassung über Arbeit stand und steht.

So schreibt Maria Wölfingseder in „Die Arbeit, unverklärt“:

Roboten kommt von rob. Und rob heißt Sklave…

In einem Gedicht von Erich Kästner heißt es: “Geschichten, welche im Geschichtsbuch fehlen, sind immer die, um die sich alles dreht.”

Bevor wir einstimmen in den Chor, der immerzu “Arbeit, Arbeit, Arbeit! ” ruft, sollten wir uns kundig machen. Wer ein Wörterbuch aufschlägt, in dem die Herkunft der Wörter erklärt wird, und in Büchern stöbert, die der Geschichte der “Arbeit” nachgehen, wird Einiges finden, das unser sklavisches Verhältnis zur “Arbeit” erhellt.

“Arbeit” hängt mit einem germanischen Verb zusammen, das “verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingtes Kind sein” bedeutet, noch im Mittelhochdeutschen meint es “Mühsal”, “Plage”, “unwürdige Tätigkeit”. Dem englischen “labour” liegt das lateinische “labor” zugrunde: “Leid”, “Mühsal”, “Anstrengung”. Das französische “travailler” oder das spanische “trabajo” leitet sich aus dem lateinischen “tripalium” ab: eine Art Joch, das zur Folter und Bestrafung von Sklaven und anderen Unfreien eingesetzt wurde. Auch das russische “robota”, kommt aus dem altslawischen “rob”, das “Sklave”, “Knecht” heißt.

“Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral, und in der modernen Welt bedarf es keiner Sklaverei mehr”, sagte der englische Wissenschaftler und Nobelpreisträger Bertrand Russel.

Bis zur Antike gab es den Begriff “Arbeit” überhaupt nicht. Das Wort “Arbeit” entstand erst als Bezeichnung einer fremdbestimmten Tätigkeit unter Aufsicht und Befehl von anderen Personen. Davor gab es nur Bezeichnungen für die konkreten Tätigkeiten, aber keine Abstraktion, wie das Wort “Arbeit”, die die Verausgabung von Arbeitskraft bedeutet, deren Ziel, deren Inhalt dem Ausführenden gleichgültig ist. Das war z. B. die Fronarbeit, heute ist es die Lohnarbeit, also irgendeine Tätigkeit, um Geld zu verdienen.

Arbeitsethos brachial eingebläut

Während in vorkapitalistischen Zeiten die Arbeit als notwendiges Übel angesehen wurde, war der Beginn der Neuzeit der Anfang der ideologischen Verklärung der Arbeit.

Sie wurde nun zur “anthropologischen Konstante”, also als dem Menschen angeboren, erhoben. Mit aller nur erdenklichen brachialen Gewalt wurde den Menschen das Arbeitsprinzip, das Arbeitsethos eingebläut. Es dauerte Jahrhunderte, um den Menschen ihren eigenen Rhythmus der Tätigkeiten und die Feiertage – die in Europa rund ein Drittel des Jahres, in Spanien gar fünf Monate ausmachten – zu verbieten und sie zum maschinengleichen Arbeiten in den Fabriken zu zwingen.

Interessant ist folgende Entwicklung, an der die Kapitulation des Widerstandes abzulesen ist.

Der ersten Generation von Fabriksarbeitern wurde die Bedeutung von Zeit eingebläut: Niemand lebte damals “nach der Uhr”. Die Menschen mussten sich einem fremden Kommando, einem fremden Takt unterwerfen. Die heutige Gleichsetzung von Zeit mit Geld hatte begonnen. Die zweite Generation kämpfte für den Zehn-Stunden-Tag. Die Menschen wurden ja gezwungen bis zu 16 Stunden zu schuften. Die dritte Generation schließlich hatte die Kategorien der Fabriksherrn akzeptiert und verlangte nur mehr einen Überstundenzuschlag. Heute ist es in den industriell entwickelten Ländern gar nicht mehr notwendig, Zwang auszuüben, er wurde gänzlich verinnerlicht. Er wurde zur “zweiten Natur” des Menschen. Burn-out und Arbeitssucht sind zu einem nie gekannten Problem geworden. 40- bis 50-Jährige sterben an Herzinfarkt und Gehirnschlag.

Erich Ribolits, der in „Die Arbeit hoch?“ ausführlich darlegt, weshalb im Bewußtsein des Menschen arbeit diesen überzogenen Stellenwert einnimmt, fasst in einem Vortrag unter dem Titel  „Arbeit macht nicht frei!“ seine Gedanken dieses ausführlichen Werkes „Die Arbeit hoch?“ zusammen.

Arbeit macht nicht frei!

Für meine Gedanken zum Thema “Arbeit”, die ich vor Ihnen entfalten möchte, habe ich den Titel “Arbeit macht nicht frei! ” gewählt, und es ist wohl unschwer zu erkennen, wohin die Provokation zielt: Ich will Sie an die Aufschrift “Arbeit macht frei” erinnern, die über den Toren der faschistischen Konzentrationslager angebracht war.

Allerdings geht es mir in meinem Vortrag nicht bloß darum, den perfiden Zynismus aufzuzeigen, der sich in dieser Aufschrift manifestiert hat, sondern ich möchte die Aussage, dass Arbeit frei macht, grundsätzlich hinterfragen. Ich möchte aufzeigen, dass diese Aufschrift über den KZ-Toren nur den bisher schrecklichsten Höhepunkt in einer Überhöhung der Arbeit zu jenem Medium signalisiert hat, das den Menschen angeblich erst zum Menschen gemacht hat, das – wie es Friedrich Engels einmal ausgedrückt hat – “den Affen zum Menschen” hat werden lassen.

Wenn ich heute zu Geschichte und Auswirkungen des Arbeitsethos referiere, sollte allerdings auch niemals vergessen werden, dass der neuzeitliche Arbeitswahn auch den ideologischen Hintergrund für den bisher dunkelsten Abschnitt mitteleuropäischer Geschichte dargestellt hat. Es war nämlich keineswegs ein Zufall, dass der Arbeit in der plakativen Losung an den Toren der Konzentrationslager Auschwitz, Dachau, Flossenbürg, Sachsenhausen und Ravensbrück befreiende Wirkung zugeschrieben wurde. Die Verknüpfung der bisher systematischsten Form der massenhaften Tötung von Menschen mit dem Slogan “Arbeit macht frei” brachte bloß den zutiefst menschenverachtenden Hintergrund der bürgerlich-christlichen Arbeitsideologie zur Kenntlichkeit. Denn wenn davon ausgegangen wird, dass der Mensch ein von vornherein schuldbelastetes Wesen sei, das nur durch einen Unterwerfungsakt von seiner Schuld erlöst – also befreit – werden kann, ist es in der Tat nur mehr ein kleiner Schritt, die mit Arbeit und Arbeitsfähigkeit legitimierte Tötung von Menschen als Befreiung zu interpretieren.

Meine Behauptung, die ich versuchen werde zu belegen, lautet: Die menschliche Arbeit hat in den industriewirtschaftlichen Gesellschaften im ausgehenden 20. Jahrhundert kultische Bedeutung erlangt. Sie wurde zur zentralen sinnstiftenden Instanz und nimmt heute – wie es durch einen Buchtitel pointiert ausgedrückt wird – die Stellung einer Religion ein[1]. Arbeit steht im Zentrum des gesellschaftlichen Norm- und Wertegefüges, und sie kann ohne Übertreibung als der Kristallisationspunkt allen gesellschaftlichen Geschehens bezeichnet werden. Über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg wird sie als die grundlegende Bestimmungsgröße des Menschen – als das, worüber sich menschliches Dasein definiert und legitimiert – gesehen.

Meiner Überzeugung nach ist es nun genau diese Überhöhung der Arbeit, die es den Menschen so schwer macht, im gegenwärtigen Schrumpfen des Lohnarbeitspotentials nicht eine Bedrohung, sondern die prinzipielle Chance für ein freieres Leben zu erkennen. Das krampfhafte Festhalten am Arbeitsfetisch verhindert, dass die Spaltung der Gesellschaft in Menschen, die sich um Arbeitsplätze immer heftiger konkurrieren müssen, und in solche, deren Profite genau dadurch anwachsen, nicht als politischer Skandal wahrgenommen und entsprechend bekämpft werden kann. Hier ist meiner Meinung nach der Grund dafür zu suchen, warum heute zwar von allen Seiten “neue Arbeitsplätze” gefordert werden, aber kaum je “ein Leben in Würde” auf der Grundlage einer ausreichenden materiellen Versorgung aller Menschen proklamiert wird.

Nahezu alle Industriestaaten der Welt sind derzeit mit anwachsenden Arbeitslosenzahlen konfrontiert, und der Ruf nach Arbeit tönt dementsprechend laut aus allen Ecken dieser Welt. Kaum eine politische Gruppierung, die heute nicht ein Rezept proklamiert, mit dem es gelingen soll “neue Arbeit zu schaffen”. Und manchmal werden jene, denen der Arbeitsplatz schon genommen worden ist, sogar recht handfest in ihren Forderungen. Sie stürmen Konzernzentralen, blockieren Autobahnen und werfen mit Steinen nach Polizisten. Doch was so radikal eingeklagt wird, ist – wenn man es genau betrachtet – mehr als kläglich: Keineswegs wird selbstbewusst der gerechte Anteil am permanent steigenden gesellschaftlichen Reichtum eingefordert, es wird bloß um neue Arbeitsplätze gebettelt. “Beutet uns aus, erniedrigt uns, zerstört unsere Gesundheit, macht mit uns, was ihr wollt, aber gebt uns um Himmels willen Arbeit”. So lautet der hilflose Appell von Millionen Menschen, denen mit dem Verlust ihrer Arbeit nicht bloß die Teilhabe an den materiellen Möglichkeiten dieser Gesellschaft, sondern auch die Möglichkeit jedweder Achtung genommen wurde.

Denn Arbeit – in ihrem an ökonomische Verwertbarkeit geknüpften, neuzeitlichen Verständnis – wird in den industrialisierten Gesellschaften längst nicht mehr bloß im Sinne einer materiellen Existenzsicherung wahrgenommen, sie ist – wie ich im Folgenden darstellen werde – zur ideellen Bezugsgröße des Menschen insgesamt avanciert.

Recht pointiert wurde das schon vor über 100 Jahren, in einer kleinen, unscheinbaren Schrift ausgedrückt, die Paul Lafargue – der ungeliebte Schwiegersohn von Karl Marx – 1883 veröffentlicht hatte, deren brisanter Inhalt allerdings bis heute nur erstaunlich geringe Beachtung gefunden hat. Das Buch mit dem Titel “Das Recht auf Faulheit”[2], das vom Autor ausdrücklich als eine “Widerlegung des Rechtes auf Arbeit von 1848″ bezeichnet wird, beginnt mit den Sätzen:

“Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heilig gesprochen. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verflucht hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht. Ich, der ich weder Christ noch Ökonom, noch Moralist zu sein behaupte, ich appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vorschriften ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die schauerlichen Konsequenzen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft. ”

Spöttisch polemisiert Lafargue in seinem Text gegen die Arbeitsmoral der bürgerlichen Gesellschaft. Bedauernd stellt er aber auch fest, dass sich diese zwischenzeitlich auch in den Köpfen der Arbeiterschaft eingenistet hat und dafür sorgt, dass die Arbeit von einer bitteren Notwendigkeit zunehmend zu einer Tugend uminterpretiert wurde. Lafargue kann in der Arbeit – noch dazu in der fremdbestimmten Lohnarbeit – nichts Positives, nichts Heroisches und schon gar nichts Sinnstiftend-Würdiges sehen. Sie ist für ihn bloße Notwendigkeit zur Reproduktion der Gattung, dementsprechend gehen ihr ja die Reichen – die es sich leisten können – aus dem Weg und lassen andere für sich arbeiten!

Doch eine solche kritische Sichtweise der Arbeit ist derzeit weitgehend unbekannt. Dabei darf nicht übersehen werden, dass – auch wenn ich im Folgenden im Zusammenhang mit der “Mythologisierung” der Arbeit sehr stark das politisch-ökonomische System “Kapitalismus” anspreche – auch in den ehemaligen, sogenannten “real-sozialistischen” Gesellschaften die Arbeit eine Idealisierung weit über jede bedürfnisorientierte Notwendigkeit hinaus genossen hat. Die Heroisierung von Alexej Stachanow, jenes Arbeiters, der angeblich eine Rekordleistung im Kohlenbergbau erbracht hat, gibt dafür ein beredtes Beispiel. Es gehört wohl zu den großen Erstaunlichkeiten unseres Jahrhunderts, dass das permanente Hervorkehren der Unterschiede zwischen den westlichen und den seinerzeitigen östlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen die tief greifende ideologische Gemeinsamkeit, die in der Idealisierung der Arbeit liegt, völlig verdeckt hat. Der christliche Beleg für das kapitalistische Arbeitsethos – die strenge Mahnung des Apostels Paulus an die Thessalonicher, dass »wer nicht arbeiten will, auch nicht essen« soll – wurde übrigens fast wörtlich in die Sowjetverfassung von 1937 aufgenommen und gilt deshalb vielfach – wohl in einer unbewusst-richtigen Einschätzung der Situation – sogar als ein Ausspruch Stalins.

Diese Überhöhung der Arbeit zum zentralen ideellen Bezugspunkt der menschlichen Existenz hat in Verbindung mit der Tatsache, dass für die überwältigende Majorität der Gesellschaftsmitglieder entlohnte Arbeit die unabdingbare materielle Grundlage ihrer Existenz darstellt, allerdings dramatische Folgen. Das allgemeine Denken erweist sich angesichts des derzeitigen Rückgangs an Lohnarbeitsplätzen schlichtweg als paralysiert. Trotz einer kaum mehr übersehbaren Krise der Arbeitsgesellschaft, wird heute faktisch überhaupt nicht über gesellschaftspolitische Lösungen nachgedacht, die jenseits der Paradigmen dieser Arbeitsgesellschaft liegen. Denn jene politisch-ökonomische Formation, die auf dem Arbeitsethos von uns allen aufbaut, steckt gegenwärtig in einer unübersehbaren Krise. Als Ergebnis wirtschaftlicher Prämissen, die darauf abzielen, menschliche Arbeitskraft immer mehr durch technische Aggregate zu ersetzen, sowie dadurch, dass die mit der Arbeitsgesellschaft verbundene, permanente Ausweitung der Produktion immer unübersehbar an ihre ökologischen Grenzen stößt, geht ihr heute zunehmend ihr bestimmendes Gut, die “bezahlte Arbeit” aus. Für eine rasch anwachsende Zahl von Menschen kann Arbeit in ihrem an ökonomische Verwertbarkeit geknüpften Verständnis nicht mehr das organisierende Zentrum ihrer Existenz sein.

Etwa vier Jahrzehnte lang – bis ins letzte Viertel des 20. Jahrhunderts – war die stete Begleiterin der kapitalistischen Wirtschaftsordnung – die Arbeitslosigkeit – kaum mehr ins Bewusstsein der Bewohner der industrialisierten Welt getreten. Möglich war dies zum einen durch ihren “Export” in die sogenannte Dritte Welt und zum anderen durch ein massives Ankurbeln der Warenproduktion und des Warenumlaufs auf der Basis eines hemmungslosen Raubbaus an den Energieressourcen der Erde, verknüpft mit einer exponentiell anwachsenden Zerstörung der Ökosphäre. Spätestens seit Beginn der 80er Jahre stößt diese “Methode” der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit jedoch immer offensichtlicher an ihre Grenzen. Das in den kapitalistischen Kernländern einige Jahrzehnte relativ gut funktionierende Zusammenspiel von Produktivität, Arbeitskräftebedarf und Konsum kippt seitdem immer unübersehbarer aus dem Gleichgewicht.

Die Folgen dieser Entwicklung sind allgemein bekannt: Das Phänomen (Massen-)Arbeitslosigkeit sucht in anwachsendem Maß auch wieder die entwickelten Industriestaaten heim; die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse – niedrig bezahlte Arbeiten, sozialrechtlich wenig abgesicherte Arbeiten, “selbständige Arbeitnehmer”, Teilzeitarbeit, Flucht aus dem Arbeitsrecht u. dgl. – steigt massiv an; die Spaltung der Gesellschaft in solche, die keine Arbeit haben, und in andere, deren reale Arbeitszeit ansteigt, schreitet rapid voran.

Wieso aber ist es möglich, dass in einer solchen Situation nicht intensiv die Frage nach einer gerechteren Aufteilung der vorhandenen Lohnarbeit diskutiert wird? Wieso stellt sich heute nicht massiv die Frage nach der Gerechtigkeit eines Systems, in dem die Kapitalgewinne ansteigen, die problemlose materielle Absicherung der Arbeitslosen jedoch zunehmend in Diskussion gerät? Oder, in Form eines etwas anderen Zugangs zum Problem: Wieso blieb hierzulande – trotz eines in der Zwischenzeit ungeheuer gestiegenen gesellschaftlichen Reichtums – bestenfalls die aus den Frühzeiten der Industrialisierung stammende (tatsächlich allerdings nie eingelöste) Forderung nach einem “Menschenrecht auf Arbeit” die Maximalvorstellung der gesellschaftlichen Verantwortung gegenüber dem Einzelnen? Wieso wurde diese Zielvorstellung niemals abgelöst durch eine Forderung nach “Wohlversorgtheit für Alle”, nach einem – wie es Paul Lafargue polemisch formuliert hatte – “Recht auf Faulheit”?

Die Antwort ist wohl darin zu suchen, dass wir alle noch immer daran glauben, dass Arbeit das passende Zauberwort für die Lösung all unserer Probleme sei. Wir alle sind sozialisiert in einer unvorstellbaren Idealisierung der Arbeit. Unsere durch Arbeit artikulierte Tüchtigkeit sowie die der Generationen vor uns dient uns als Abgrenzung gegenüber Kulturen, in denen Arbeit (noch) nicht jene herausragende Bedeutung genießt wie bei uns.

Arbeit bestimmt nicht nur über Einkommen und Lebensstandard, sondern auch über Selbstwertgefühl und gesellschaftlichen Wert von Menschen. Die Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung gilt als ein ganz wesentliches Kennzeichen eines “achtenswerten” Menschen. Und für die Majorität der Bewohner der Industriegesellschaften ist Arbeit auch jenes selbstverständliche “Geländer”, an dem entlang ihr Leben organisiert ist.

Jene das Leben in unserer Gesellschaft so grundsätzlich bestimmende Arbeit hat nur einen marginalen Zusammenhang mit der “Arbeit als anthropologische Kategorie”; sie tritt historisch auch erst spät, im Zusammenhang mit dem Manufakturkapitalismus, als abstrakte betriebswirtschaftliche Vernutzung menschlicher Arbeitskraft in die Welt. Die bloß für den Lebensunterhalt notwendige Arbeit war dagegen noch niemals in der Geschichte gesellschaftlicher Integrationsfaktor. Solche “Subsistenzarbeit” versprach in keiner der vormodernen Gesellschaften Prestige und Anerkennung. [3] Im Gegenteil, diejenigen, die sie ausführten, galten – da sie der “Notdurft des Lebens” unterworfen waren – immer als unterste gesellschaftliche Kategorie.

So meinte man im Altertum, dass man Sklaven nötig habe, weil es für die Befriedigung der Lebenserfordernisse notwendige Beschäftigungen gibt, die ihrer Natur nach “sklavisch” sind, nämlich dem Leben und seiner Notdurft versklavt. “Arbeiten hieß Sklave der Notwendigkeit sein, und dies Versklavtsein lag im Wesen des menschlichen Lebens. Da die Menschen der Notdurft des Lebens unterworfen sind, können sie nur frei werden, indem sie andere unterwerfen [.. ]. Im Altertum war [demgemäß] die Einrichtung der Sklaverei nicht wie später ein Mittel, sich billige Arbeit zu verschaffen oder Menschen zwecks Profit »auszubeuten«, sondern der bewusste Versuch, das Arbeiten von den Bedingungen auszuschließen, unter denen Menschen das Leben gegeben ist. Was dem menschlichen Leben mit anderen Formen tierischen Lebens gemeinsam ist, galt als nicht-menschlich. “[4]

Bis ins achtzehnte Jahrhundert galt Arbeit als “des freien Mannes unwürdige Mühsal”[5] und bezeichnete fast ausschließlich die Beschäftigung der Knechte und Taglöhner, “die entweder Konsumgüter herstellten oder aber lebensnotwendige Dienste verrichteten, die tagtäglich erneuert werden müssen und kein dauerhaftes Resultat hinterlassen. Die Handwerker hingegen, die dauerhafte und akkumulierbare Gegenstände fabrizierten – Werkstücke, die von ihren Käufern meistens an die eigene Nachkommenschaft vererbt wurden -, »arbeiteten« nicht: sie »werkten«, und bei diesem »Werk« konnten sie die »Arbeit« von Handlangern für die groben und unqualifizierten Aufgaben benutzen. Nur die Taglöhner und Handlanger wurden für ihre »Arbeit« bezahlt. Die Handwerker ließen ihr »Werk« nach einem festen Satz bezahlen, der von ihren berufsständischen Organisationen festgelegt wurde, den Zünften und Gilden. “[6] Diese Unterscheidung zwischen zwei mit unterschiedlichem gesellschaftlichem Prestige belegten Formen zielgerichtet-produzierender Tätigkeit spiegelt sich auch in beinahe allen europäischen Kultursprachen durch jeweils semantisch voneinander abgesetzte Begriffe wider. Z. B. poneîn und ergázesthai im Griechischen, laborare und facere im Lateinischen, travailler und ouvrer im Französischen, schließlich labour und work im Englischen. [7]

Die heutige Situation, in der alle – Priester, Wissenschafter, Studenten, Politiker – stolz das Etikett des Arbeitenden für sich reklamieren, stellt den Endpunkt einer Entwicklung dar, die in der frühen Neuzeit ihren Anfang genommen, mit den bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts ihre grundlegende gesellschaftliche Legitimation erhalten hatte und schließlich um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert unter tatkräftiger Unterstützung der Arbeiterbewegung endgültig zum Durchbruch gelangt war: Der Sieg des bürgerlichen Leistungsstrebens gegenüber der feudalen, parasitären Faulheit.

Die Wurzeln der heutigen Wertschätzung der Arbeit reichen bis in die Renaissance zurück. Damals begann in den entwickelten Kulturen Europas ein Prozess, der sich als Emanzipation des Menschen von der Vorstellung eines schicksalhaften Ausgeliefertseins an Natur und Vorsehung bezeichnen lässt. Es kam zu einer Abkehr vom bis dahin dominierenden augustinischen Menschenbild, wo wahre Tugend jenseits dessen angesiedelt war, was der Mensch aufgrund eigener Kraft erreichen kann. Tugendhaftes Verhalten und die Befreiung von der Erbsünde erschien demgemäß nicht als Effekt eigenen Bemühens, sondern nur als Ausfluss göttlicher Gnade denkbar. Im Rückgriff auf antike Vorstellungen begann sich zunehmend ein “Vertrauen in die Freiheit und Stärke der menschlichen Natur” durchzusetzen. Das Besondere am Menschen wurde nun immer weniger in seiner unsterblichen Seele gesehen, sondern “in seiner Fähigkeit, sein Schicksal durch Intelligenz und Willenskraft zu bestimmen”, also darin, dass der Mensch in der Lage sei, sich selbst zu befreien. Die damit implizierte Vorstellung von der Machbarkeit menschlicher Geschichte ist jener Hintergrund, auf dem eine zunehmende Verteufelung der Faulheit und die Würdigung der Arbeit Platz greifen konnte. Aktivität im Sinne des Herstellens gewünschter Wirklichkeit begann sich als anstrebenswerte Seinsform zu etablieren. Zunehmend setzte sich das Bewusstsein der Notwendigkeit durch, die – vordem als endgültig angesehene – “Schöpfung” nach menschlichem Willen umzugestalten und zu verbessern. An die Stelle “der “Natürlichkeit der Wahrheit” trat die “Wahrheit als Ergebnis von Arbeit”. [8]

Die radikale Neuinterpretation der Bedeutung der Arbeit im Rahmen der menschlichen Existenz schuf auch die Voraussetzung dafür, dass Arbeit in den Rang der zentralen Bezugsgröße für Erziehung aufrücken konnte. Wenn Arbeit nicht den Überlebensnotwendigkeiten geschuldetes Übel, sondern Bestimmungsmerkmal des Menschen ist, dann ist die logische Konsequenz, dass Arbeit und ihre Anforderungen zum Bezugspunkt der Zielbestimmung von Erziehung bzw. Bildung werden. Dementsprechend war die Geschichte des neuzeitlich-pädagogischen Denkens auch von Beginn an untrennbar verbunden mit der sich seit Ende des Mittelalters herausbildenden Veränderung des Stellenwerts der Arbeit im Bewusstsein der Menschen. Nachdem die Arbeit ihren Makel als “ein von Gott auferlegtes Übel” abgeschüttelt hatte und zur Lebensbestimmung des Menschen avanciert war – zum bestmöglichen Weg, um zu sich selbst zu finden –, galt es, zur Arbeitsverausgabung zu erziehen. Arbeit wurde zur primären Bezugsgröße für Erziehung und die Vorbereitung der Heranwachsenden auf die Übernahme von Positionen in der Berufs- und Arbeitswelt durch Erziehung und (Aus-)Bildung zu einer zentralen Aufgabe der Gesellschaft.

Wie angedeutet, verlief der Aufstieg der Arbeit zur zentralen gesellschaftlichen Orientierungsgröße Hand in Hand mit der Installierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Der endgültige Schritt zur Installierung der “Ideologie der Arbeit” wurde allerdings durch die Arbeiterbewegung vollzogen. Sie hat – in einer beispiellosen Überhöhung der Ideologie ihrer Unterdrücker – den geknechteten und unterdrückten Arbeiter zum Heroen der Geschichte und die entfremdete Arbeit zum Hohelied des Industriezeitalters umgedeutet. Die geradezu kultische Überhöhung der Arbeit zeigt sich wohl am deutlichsten an den Plakaten und den Motivbildern in den Schriften der damaligen Gewerkschaftsbewegung und der sozialdemokratischen Parteien, die eine geradezu frappante Ähnlichkeit mit Heiligenbildern aufweisen. Sie können nur als Kultbilder zur “Verehrung” der Arbeit interpretiert werden und sollten offensichtlich dazu dienen, tief verwurzelte Erlösungswünsche der Menschen auf die Arbeit zu projizieren. In einschlägigen Texten wurde die Arbeit auch tatsächlich verschiedentlich zum “Heiland der neuen Zeit” hochstilisiert und es wurde postuliert, dass sie “vollbringen kann, was kein Erlöser vollbracht hat”[9].

Wieweit die Mystifikation der Arbeit – trotz der Kritik an den Bedingungen der “Klassengesellschaft, in der den Arbeitern das Produkt ihrer Arbeitsverausgabung durch die Besitzer der Produktionsmittel vorenthalten wird” – in den Schriften der damaligen Arbeiterbewegung ging, will ich an einem kurzen Textbeispiel zeigen: In einem Buch, das 1905 von einer großen und bedeutenden sozialdemokratischen Teilorganisationen Deutschlands, herausgegeben worden war, wird ausgeführt: “Die Arbeit adelt den Menschen, wie sie die unversiegbare Quelle des Menschtums, der Humanität im besten und reinsten Sinne des Wortes überhaupt ist. Der Menschheit Würde und der Menschheit Los ist bei ihr, offenbart und gestaltet sich nur durch sie. Schon auf den untersten primitivsten Stufen tritt ihr veredelnder Einfluss hervor, sie entwickelt alle natürlichen Anlagen des Menschen, stählt und diszipliniert seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten, weist dem Denken bestimmte Richtungen an und weckt und fördert bestimmte Begriffe, die man als »sittliche« und »ethische« bezeichnet und als Norm des menschlichen Handelns erklärt [.. ]. Die Arbeit soll geachtet sein, als Quelle aller Kultur, als die Mutter der Humanität, als die Seele des Staats- und Gesellschaftskörpers, als Inbegriff der natürlichen Bestimmung des Menschen und als schönster Ausdruck seiner Würde. “[10]

Wenn also heute darüber diskutiert wird, wie unter ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten dem Problem der hohen und weiter ansteigenden Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten begegnet werden soll und ob durch Arbeitszeitverkürzung wieder Arbeit für mehr Menschen geschaffen werden kann, dann geht diese Diskussion am Kern des Problems weitgehend vorbei. Der Mensch der spätkapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft arbeitet keineswegs nur deshalb, um ökonomisch zu überleben, er definiert sich über die Arbeit. Sie ist das strukturierende Merkmal seiner Existenz, und sie vermittelt ihm sein Selbstverständnis als Mensch. Ohne gesellschaftlich honorierte Arbeit ist er nicht »bloß« in seinem materiellen Dasein gefährdet, ohne eine derartige Arbeit verliert der heutige Bewohner der industrialisierten Länder faktisch seine gesamte ideelle Existenzbasis. Wodurch unsere Sozietät überhaupt erst zu dem geworden ist, was wir heute mit dem Begriff Arbeitsgesellschaft zusammenfassen, ist die – mit jedem Generationsschritt reibungsloser ablaufende – allgemeine Verinnerlichung eines “aus sich selbst” begründeten Werts des Arbeitens jenseits “bedürfnisorientierter Notwendigkeiten”. Die gegenwärtige Verringerung des Gesamtausmaßes der zur Verfügung stehenden entlohnten Arbeit ist somit mit dem Verbot einer identitätsstiftenden Kulthandlung vergleichbar und kann von den Gesellschaftsmitgliedern nur im Sinne einer massiven psychischen Destabilisierung wahrgenommen werden!

Somit bleibt – selbst wenn es durch einen sozialen Umbau der Gesellschaft möglich wäre, die materiellen Probleme, die mit der sukzessiven Verringerung der Arbeitsplätze verbunden sind, in den Griff zu bekommen – die Tatsache bestehen, dass wir allesamt “verlernt” haben, ohne Arbeit und in Muße zu leben. Denn auch das, was wir heute als Frei-Zeit bezeichnen, unterliegt ja in jeder Hinsicht denselben Strukturen wie die Arbeitserbringung im Rahmen der Profitökonomie. Es handelt sich dabei keineswegs um eine unverzweckte Muße-Zeit, die selbstbestimmt, einem “inneren Bedürfnis” folgend, gelebt wird. Freizeit unterliegt im selben Maß wie die Arbeit den Bedingungen der Entfremdung. In der Arbeitsgesellschaft ist die von entlohnter Arbeitsverausgabung freigehaltene Zeit in hohem Maß gleichzusetzen mit Konsum. Sie stellt damit aber auch bloß die Kehrseite der Vernichtung der ökologischen Lebensgrundlagen durch Arbeit dar. Es ist wohl unbestreitbar, dass eine Ausweitung der extensiven Freizeitgewohnheiten von Europäern und Amerikanern auf die restliche Menschheit genauso katastrophale ökologische Auswirkungen hätte wie die Verallgemeinerung dessen, was wir Lebensstandard nennen. Auch im Hinblick auf ihre “ökologische Unverträglichkeit” können Freizeit und Arbeit als siamesisches Zwillingspaar bezeichnet werden. Die Freizeit ist in jeder Hinsicht bloß die präsentable Kehrseite der Arbeit, sie ist mit ihr untrennbar verbunden und bietet in ihrem heutigen Verständnis sicher keinen Ansatzpunkt, das durch die Strukturen der Arbeitsgesellschaft ansozialisierte Selbstverständnis des Menschen als homo laborans – als Arbeitswesen – zu relativieren.

Die derzeit allseits konstatierte “Krise” bedeutet also wesentlich mehr als eine ökonomische Umbruchssituation, es handelt sich dabei um eine kaum mehr kaschierbare Krise des gesellschaftlichen Systems selbst. Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht, beziehungsweise es ökologische Notwendigkeiten dem Menschen verunmöglichen, “sein Heil” weiter in der Arbeit zu suchen, wird das – wie die Philosophin Hannah Arendt schon vor etwa 30 Jahren geschrieben hat- genau dadurch zum unlösbaren Problem, weil heutzutage – wie sie es ausdrückt – kaum noch vom Hörensagen jene höheren und sinnvolleren Tätigkeiten bekannt sind, die uns ermöglichen würden, ein Weniger-Werden der notwendigen Lohnarbeit als Befreiung zu erleben. Das verinnerlichte Arbeitsethos kettet die Bewohner der industrialisierten Welt an die mit Ausbeutung, Zerstörung und Ungleichheit verbundene Arbeitsgesellschaft, macht sie damit aber auch zugleich zu “Mittätern”. Arbeitslosigkeit kann in dieser Situation eben nicht mehr in der Dimension eines politischen “Skandals” wahrgenommen und dementsprechend bekämpft werden, sie stellt eine Selbstwertbedrohung dar. Gekämpft wird dementsprechend um Arbeitsplätze und nicht um eine Neuverteilung des gesellschaftlichen Reichtums.

Worum es heute also geht, ist ein Verlassen des Denkkorsetts der Arbeitsgesellschaft. Es ist höchste Zeit für die Einsicht, dass der Mensch sich nicht als arbeitender Konsument vom Tier unterscheidet, sondern als denkendes Wesen. Nicht die Arbeit ist es, die den Menschen aus der restlichen Natur heraushebt, sondern die Tatsache, dass er der Arbeit nicht naturwüchsig unterworfen ist. Das Besondere des Menschen besteht auch nicht den gewaltigen Leistungen, die er arbeitend vollbringt, sondern in seiner prinzipiellen Fähigkeit, sich frei zu entscheiden, ob er arbeiten will oder nicht. Im Gegensatz zum instinktgesteuerten Tier zwingt ihn keine genetische Programmierung zur Arbeit. Das aber ist wesentlich mehr als die bloße gedankliche Vorwegnahme der Produkte, die am Ende von Arbeitsprozessen entstehen sollen, worauf vulgärmarxistische Interpretationen der in diesem Zusammenhang oft zitierten Textstelle aus dem “Kapital”[11] – in der Karl Marx die Tätigkeit der Biene mit der eines menschlichen Baumeisters vergleicht – ihr Hauptaugenmerk legen. Das über die Bewusstseinsfähigkeit vermittelte Besondere des Baumeisters gegenüber der Biene, besteht nicht bloß darin, dass dieser – im Gegensatz zur instinktgesteuerten Biene – die Zelle schon in seinem Kopf “gebaut” hat, bevor er sie tatsächlich realisiert, sondern in der Tatsache, dass er frei ist zu entscheiden, ob er das “prinzipiell Machbare” auch tatsächlich in die Welt setzen will.

Nicht die “Arbeit an sich” ist es, die den Affen zum Menschen hat werden lassen, sondern die Tatsache, dass es dem Menschen nicht nur möglich ist, das Produkt seiner Arbeit gedanklich vorzuentwerfen, sondern, dass er die Folgen seines Arbeitens insgesamt abschätzen kann und er dergestalt “Herr” über sein Arbeitsvermögen ist. Arbeit ist einzig und allein dadurch Ausdruck der “Selbsterschaffung des Menschen”, weil der Mensch die Arbeit auch ungetan lassen kann. Möglichkeit menschlicher Selbstverwirklichung ist einzig selbstbestimmtes Sein und nicht Arbeit, die dem Menschen als auferlegtes, fremdbestimmtes Tun entgegentritt. In diesem Sinn macht Arbeit auch immer nur jene frei, die durch die Arbeitsverausgabung der Massen den Spielraum für selbstbestimmtes Handeln gewinnen, aber niemals die, die arbeiten müssen um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist der Grund, warum es gilt, die derzeitige Idealisierung der Arbeit zu hinterfragen. Politisches Ziel kann es nicht sein um neue Lohnarbeitsplätze zu kämpfen, sondern um Bedingungen des Lebens, die freies, nicht entfremdetes Tun ermöglichen.

Dazu müssen allerdings jahrhundertlang eingeübte soziale und emotionale Verhaltensweisen hinterfragt und tief verschüttete Sehnsüchte wieder entdeckt werden. Das Nichtstun, die Faulheit und die Kontemplation müssen wieder Platz in unserem Leben erhalten. Konkret geht es darum, unsere nicht verwertbaren Bedürfnisse wieder zutage zu befördern, jene menschlichen Sehnsüchte und Wünsche, die sich nicht in Profit umsetzen lassen und die demgemäß im Kapitalismus einer permanenten Erosion ausgesetzt sind. Die an der Überhöhung der Arbeit gekoppelten Verhaltensweisen und Denkmuster können wohl nur überwunden werden, wenn uns bewusst wird, dass wir – inmitten des gigantischen Angebots an Gütern und Dienstleistungen – Mangel leiden. Und zwar leiden wir Mangel an all jenen Aspekten des Lebens, die sich der Verwertung, d. h. der Verwandlung in ein Profit bringendes Warenangebot entziehen.

Denn genauso wie es im Kapitalismus nicht darum geht Arbeitsplätze zu schaffen, ist es auch nicht die Funktion der kapitalistischen Produktion “Lebensbedürfnisse” möglichst effektiv zu befriedigen. Es geht vielmehr darum, die Menschen von ihren Bedürfnissen zu entfremden, ihnen das Bewusstsein über Wege und Formen der Bedürfnisbefriedigung zu rauben und ihnen statt dessen den Fetisch Ware anzubieten, der zwar verspricht, psychisch zu nähren und Befriedigung zu verschaffen, die emotional Hungrigen jedoch immer unbefriedigt zurücklässt. Nur so können die dergestalt permanent Unbefriedigten schließlich zu “dankbaren” Objekten der ungehemmten Ausweitung der Produktion werden. Der Kapitalismus lebt vom permanenten Versprechen der Bedürfnisbefriedigung, jedoch nicht von der tatsächlichen Befriedigung der Bedürfnisse. Die Sehnsucht nach Lebendigkeit, nach Liebe und nach Lust bleibt im System der Warenproduktion notwendigerweise unbefriedigt. Dementsprechend weit entfernt vom “Geschmack des Lebens” befinden wir uns heute.

Erst wenn wir uns der Verwertung in Arbeit und Konsum zumindest teilweise entziehen, können wir uns den nicht-profitmäßig verwertbaren Wünschen und Bedürfnissen wieder langsam annähern. Unser Ziel muss ein Leben in Muße sein, ein Leben, das uns ermöglicht dem Lebendigen Vorrang gegenüber dem Fetisch Ware einzuräumen und die uns umgebende Welt nicht nur als Ausbeutungsobjekt und die Mitmenschen nicht nur als Konkurrenten und Hindernisse wahrzunehmen. Müßiggang ist nämlich ganz und gar nicht – wie es im bekannten Sprichwort heißt – aller Laster Anfang, sondern – so wie es die Schriftstellerin Christa Wolf formuliert hat – aller Liebe Anfang. Allerdings lässt sich angesichts der heutigen Teilung des Lebens in entfremdete Arbeit und entfremdete Konsumation in der Freizeit, über Müßiggang und seine Notwendigkeit für alle Formen nicht verwertbarer – und damit tendenziell subversiver – Kreativität und Phantasie nur schwer diskutieren. Es scheint, dass die Befreiung aus der “Sklavenmoral der Entfremdung” einen Umweg nehmen muss: Sie muss ansetzen an der anarchischen Gegenkraft zur allgemein gelobten Arbeitsmoral. Es gilt die intuitive Verweigerungshaltung gegenüber der Totalvernutzung ernst zu nehmen und die mit dem Bannfluch der Arbeitsgesellschaft belegte Faulheit zu rehabilitieren.

Denn das, was hierzulande diskriminierend als Faulheit abqualifiziert wird, kann durchaus als das “Tor zur Muße” gesehen werden – jener Lebensform, die erst möglich wird jenseits der kapitalistischen Warengesellschaft. Die Faulheit entspringt einem blinden Widerstand gegen die fremdbestimmte Arbeit und die durch die Freizeitindustrie oktroyierte Betriebsamkeit in der sogenannten Freizeit. Sie ist bloßer Reflex um dem Ghetto der Entfremdung zu entfliehen und stellt nur die Umkehrung des Arbeitszwanges dar. Sie ist quasi systemimmanente Flucht. Ihre subversive Kraft erschließt sich erst im Ernstnehmen ihrer Zielsetzung und im Erkennen der ihr immanenten Lebenssehnsucht. Allerdings kann sie zur Initialzündung dafür werden, sich der gesellschaftlich verursachten Unfreiheit bewusst zu werden. Denn Faulheit und Schlendrian sind – das hat schon Max Weber in seiner berühmten Abhandlung zur “Protestantischen Ethik” bemerkt – die ärgsten Widersacher gegen den “Geist des Kapitalismus”. Nicht zufällig ist die derzeitige Krise der Arbeitsgesellschaft auch ein neuerlich Anlass um alle jene zu desavouieren, die im Verdacht stehen, nicht völlig immun gegen die Verführungen der Faulheit zu sein.

Das Bekenntnis zur Faulheit kann uns die Kraft geben um den ideologischen Charakter der Rede vom “Sinn des Lebens”, der in der Arbeit zu suchen sei, zu erkennen und für eine Gesellschaft einzutreten, die sich an der Muße orientiert. Jenem ursprünglichen Fundamentalbegriff der abendländischen Kultur, der in der programmatischen Mußelosigkeit der totalitären Arbeitswelt gänzlich obsolet geworden ist. Denn nicht die Arbeit, sondern der Müßiggang ist die Quelle aller Kultur, und erst der Mensch, dessen Leben nicht von Arbeit dominiert ist, hat ein Stück vom Paradies zurückgewonnen, in dem es bekannterweise ja nicht erforderlich war, zu arbeiten. Fleiß und Nutzen sind dagegen – so wie es der Philosoph und Dichter Friedrich Schlegel am Ende des 18. Jahrhunderts formuliert hat – die Todesengel mit dem feurigen Schwert, die den Menschen die Rückkehr ins Paradies verweigern.

[1] Hank, Rainer: Arbeit – die Religion des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. (Eichborn) 1995.

[2] Lafargue, Paul: Das Recht auf Faulheit u. a. ausgewählte Texte. Wien (Monte Verita) o. J. , S. 9.

[3] Das gilt genauso heute für jene Reste der Subsistenzarbeit, die weiterhin notwendig sind, da sie (noch) nicht als Nebeneffekte der “Mehrwertproduktion” auftreten; insbesondere ist dabei zu nennen: Hausarbeit und die Betreuung von Kindern und alten Menschen.

[4] Arendt, Hanna: Vita activa, oder Vom tätigen Leben. , 6. Auflage, München/Zürich (Piper) 1989. , S. 78/79.

[5] Die Übersetzung des althochdeutschen Wortes arabeit[i]. Das Wort Arbeit zeigt eine semantische Verwandtschaft sowohl mit dem lateinischen avrum, das auf avra, den “gepflügten Acker”, verweist, als auch mit dem germanischen arba, was soviel wie “Knecht” bedeutet. Das französische Pendant zum Arbeitsbegriff, travail, dürfte vom vulgär-lateinischen tripalare (”pfählen” oder “quälen”) abstammen, das russische rabota von rab, was “Sklave” heißt (vgl. Guggenberger, Berndt: Wenn uns die Arbeit ausgeht. Die aktuelle Diskussion um Arbeitszeitverkürzung, Einkommen und die Grenzen des Sozialstaats. München (Carl Hanser) 1988, S. 32).

[6] Gorz, André: Kritik der ökonomischen Vernunft – Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft. Berlin (Rotbuch) 1989, S. 30.

[7] Vgl: Riedel, M. : Arbeit. In: Krings et. al. (Hg. ): Handbuch der philosophischen Grundbegriffe, Bd. 1. München (Ehrenwirth) 1973, S. 126.

[8] Vgl. dazu ausführlich: Ribolits, Erich: Die Arbeit hoch. Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus. 2te Auflage, München/Wien (Profil) 1997.

[9] Dietzgen, J. : Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit (1869) Zit. nach Klopfleisch, R. : Die Pflicht zur Faulheit. Düsseldorf/Wien/New York (Econ) 1991, S. 29.

[10] Frohme. K. : Arbeit und Kultur. Eine Kombination naturwissenschaftlicher, kulturgeschichtlicher, volkswirtschaftlicher und sozialpolitischer Studien. Hamburg 1905, S. 81/82.

[11] Marx, K. : Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Marx/Engels: Gesammelte Werke, Bd. 23. Berlin (Ost) (Dietz) 198817, S. 193.

Ein Gesellschaftsmärchen

31. Mai 2009
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Es war einmal ein Land, das sich um das Jahr 2010 entschloss, dem Credo der Globalisierung „Nur der günstigste Anbieter von Produkten oder Diensten kann im Wettbewerb bestehen“, nicht länger wie die Lemminge hinterherzutraben. Weise Köpfe schlugen den völlig entgegengesetzten Kurs ein, wohl wissend darum, sich in den ersten Jahren und evt. Jahrzehnten vom Ruf des Exportweltmeisters verabschieden zu müssen.

Anstelle des Rufs „Geiz ist geil“ eroberte der Slogan „Teuer ist geheuer“ den gesellschaftlichen Geist. Es war schon immer so, dass besondere Qualität, die Herstellung von Unikaten und hervorragender Service teurer waren als Automaten, Call-Center und Selbstbedienung. Die Menschen hungerten auch geradezu danach, endlich wieder hochwertige Lebensmittel einkaufen und auch freundlich und persönlich bedient werden zu können. Kindergärten, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, die das meiste und möglichst auch beste Personal einstellten fanden Zulauf, während die Mangelversorgung des Menschen in solchen ehemals vom Sparkurs beherrschten Einrichtungen ausstarb.

Arbeitgeber sahen ein, dass Menschen nur gern produzieren oder bedienen, wenn sie selbst auch in die Lage versetzt werden, sich hochwertige Ware und herausragenden Service leisten zu können, und erhöhten entsprechend deren Löhne und Gehälter. Sie erkannten auch, dass sie bislang nur sehr einseitig Flexibilität von ihren Arbeitnehmern gefordert hatten, selbst aber viel zu rigide und unflexibel auf den Bedarf ihrer Mitarbeiter reagiert hatten. Ein Arbeitnehmer, dem arbeitsfreie Zeit wichtiger war als mehr Geld, fand ebenso Berücksichtigung wie derjenige, der lieber samstags statt montags arbeitete oder derjenige, der aus persönlichen oder familiären Gründen phasenweise seine Arbeitszeit reduzieren wollte. Das Gefühl, wichtigen persönlichen Angelegenheiten auch nach Bedarf Priorität einräumen zu können und nicht nur nach Fremdmaßgabe funktionieren zu müssen, reduzierte die Burnouts und Depressionen um ein Vielfaches.

Die Unternehmen buhlten um die Kunden nicht länger nur nach dem günstigsten Preis, sie buhlten um die besten Mitarbeiter, wozu nicht unbedingt beste Schulabschlüsse und Weiterbildung herhalten mussten. Menschen, die handwerklich geschickt waren erhielten ebenso leicht wieder eine Chance wie jene, die ein Händchen für den Umgang mit Menschen hatten. Die Unternehmen buhlten um „besser“, „hochwertiger“, „persönlicher“, „einzigartiger“. Klassensysteme in den Sozialversicherungen wurden abgeschafft.

Argwöhnisch wurde dieses Land anfangs von den anderen Ländern beobachtet „Betreibt es etwa Protektionismus, weil es nicht mit dem Strom mitschwimmt?“ Ja, man übte gar Druck auf dieses Land aus, um es zurück in die Reihen der Lemminge zu zwingen, doch damit hatte man gerechnet und blieb überzeugt davon, dass ein Land mit zufriedenen Bürgern ein tragfähigeres Fundament schafft als all die Länder, die über Angst und Drohgebärden wegen der Globalisierung sich auf billigste Waren, Dienste und Löhne eingeschworen hatten.

Müßiggang ist aller Tugend Anfang – von Maria Wölflingseder

26. Mai 2009

“Nicht Arbeit, sondern Muße ist das Ziel des Menschen – oder schöne Dinge herstellen oder schöne Dinge lesen oder einfach die Welt mit Bewunderung und Entzücken betrachten.” Oscar Wilde: Oscariana – Oder Wildes Denken, Zürich 2000.

Ein aktueller Bestseller über den Müßiggang? Erstaunlich! Die Welt am Sonntag nennt ihn “eine fulminante kulturgeschichtliche Rechtfertigung der Faulheit”. “Je länger man in dem Band liest, desto idiotischer erscheint ein Großteil der emsigen Routine, die unser Leben dominiert”, schreibt die Sunday Times.

Die Übersetzung von “How to be idle” des Briten Tom Hodgkinson ist nun bei Heyne unter dem Titel “Anleitung zum Müßiggang” als Taschenbuch erschienen. Es wurde in England 2004 bei Penguin Books herausgebracht und im selben Jahr erstmals im Rogner und Bernhard Verlag bei Zweitausendeins auf deutsch aufgelegt.

Was macht dieses Buch zum Bestseller? Welchem Autor ist dieses Kunststück gelungen ist? – Tom Hodgkinson, geboren 1968, hat englische Literatur studiert und in vielen Jobs gearbeitet. Nach dem Rauswurf bei einer bekannten Boulevardzeitung hat er von der Sozialhilfe gelebt, bevor er die Zeitschrift The Idler (www. idler. co. uk) gründete. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie in North Devon. Hodgkinson weiß, wovon er schreibt. Er ist kein Workaholic, der als Fleißaufgabe zu all seinen anderen Verpflichtungen noch den Müßiggang strapaziert. Der Autor ist über seine eigene “Praxis” zur “Theorie”, genauer: zur Geschichte des Müßiggangs bzw. zu der seiner weitgehenden Abschaffung gestoßen. Mit den im Buch eingestreuten Plaudereien aus dem Nähkästchen lässt der Autor die Leser an seinen persönlichen Bemühungen um den Müßiggang teilhaben. Das Werk ist das Ergebnis seines Durchforstens der Geschichte auf der Suche nach literarischen und philosophischen Gustostückchen zum Thema Müßiggang. Das 365 Seiten lange, großteils sehr kurzweilige, flüssig und flott zu lesende Buch ist in 24 Kapitel unterteilt: in die 24 Stunden eines Tages. Jedes Kapitel behandelt ein Thema, das zur Stunde passt.

Was das Buch jedoch nicht bietet, sind theoretische Analysen über die tieferen ökonomischen Ursachen der Muße verhindernden Verhältnisse. Das Fernziel, das der Autor benennt, ist zwar durchaus die Schaffung von menschengerechten Verhältnissen, aber der Fokus der Perspektive, die öfter angesprochen wird, richtet sich eher auf kurzfristige, individuelle Möglichkeiten innerhalb der aktuellen gesellschaftlichen Situation.

Es macht wohl den Erfolg des Buches aus, dass es sehr unterschiedlich gelesen werden kann. Erstens als spannende, amüsante Kulturgeschichte des Müßiggangs sowie als Anregung, die Bücher der Autoren, aus denen die Fülle an historischen Zitaten und Beispielen stammt, auch selber aufzuschlagen. Zweitens als Anstoß für den Leser, sich – trotz der widrigen Lebensumstände – mehr Müßiggang zu verschaffen. Und drittens als Ermunterung, weitreichende Konsequenzen zu ziehen bzw. gesellschaftlich einzufordern und mitzugestalten. – Es ist bestens – auch als Geschenk – für jene geeignet, die nicht gerne trockene Theorie lesen, sich aber zu vergnüglicher und gleichzeitig radikaler Arbeits- und Stresskritik verführen lassen wollen. Jedoch auch Theorie-Versierte werden staunen, was die 141 bekannten und unbekannten, großteils aus dem angloamerikanischen Raum stammenden Werke, in die sich Tom Hodgkinson vertieft hat, zum Thema Müßiggang, bzw. zu den Bedingungen, die ihn verhindern, zu bieten haben.

Eine illustre Runde bedeutender Denker und Dandys durchwandert das Buch:

  • Karl Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue (1842-1911) mit seinem “Recht auf Faulheit”.
  • Der britische Mathematiker, Nobelpreisträger für Literatur, Friedensaktivist und Verfasser gesellschaftskritischer und philosophischer Schriften Bertrand Russel (1872-1970) mit seinem “Lob des Müßiggangs”.
  • Der britische Wirtschaftshistoriker, Journalist, Essayist und Friedensaktivist Edward P. Thompson (1924-1993), der 1956 aus der Kommunistischen Partei austrat, mit seinen historischen Arbeiten über die britischen radikalen Bewegungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, insbesondere mit seinem Buch “Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse”, das Historiker der Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt beeinflusste.
  • Der deutsche Philosoph, Literaturkritiker, Übersetzer und Flaneur Walter Benjamin (1892-1949) mit seinem mehr als tausendseitigen unvollendeten “Passagen-Werk”.
  • Der englische Maler und Dichter William Blake (1757-1827), ein früher Kritiker der “tyrannischen Zahnräder”.
  • Und die bekannteste Koryphäe in Sachen Müßiggang: Oscar Wilde (1854-1900) mit seinem Leben im Allgemeinen – er verband Kunst und Kritik auf exquisite Weise -, seiner Literatur im Besonderen und ganz speziell mit seinen Essays “Der Sozialismus und die Seele des Menschen” und “Der Kritiker als Künstler”. Letzteres “Mit einigen Anmerkungen über die Bedeutung des Nichtstuns”.

Diese exzellenten Köpfe und Genießer Ihnen und Euch ganz besonders ans Herz zu legen möchte ich nicht versäumen.

Kein fröhliches Durcheinander

Die Themen der 24 Kapitel sind sehr vielfältig. Sie lesen sich großteils wie eine Auflistung all dessen, was im Laufe der Zeit scheibchenweise abgeschafft wurde oder heute gerade dabei ist, abgeschafft zu werden zugunsten des einzigen Zwecks, der noch zählt, des Selbstzwecks Wertverwertung, sprich Geldvermehrung: Das Im-Bett-Bleiben am Morgen, das Bummeln und Flanieren, das Mittagessen, das Mittagsschläfchen, die Teezeit, das Kranksein, das Angeln (”Wasser kann hypnotisieren und beruhigen, inspirieren und elektrisieren wie kaum ein anderes Medium”), das Nichtstun daheim, der Sex (jenseits von Tantra-Sex und jener kruden “Mischung aus Religion und Sport”), die Kunst der Unterhaltung, Meditation, genügend Schlaf oder das Betrachten von Mond und Sternen.

Im 9-Uhr-morgens-Kapitel “Müh’ und Plagen” geht es um die Herrschaft der Arbeit, also um jene Ideologie, die jedem Müßiggang den Garaus machte. “Die Vorstellung, dass der , Job’ die Antwort auf alle Sorgen ist, individuelle oder soziale, ist eines der bösartigsten Märchen der heutigen Gesellschaft. Es wird von Politikern, Eltern, Zeitungsmoralisten und Industriellen auf der politischen Linken und Rechten verbreitet: Das Paradies, sagen sie, ist die , Vollbeschäftigung’.” (S. 28) Auf das weitverbreitete Argument von der Wichtigkeit der Arbeit der sozialen Aspekte wegen entgegnet Hodgkinson: “Nimmt denn irgendjemand allen Ernstes an, jedes menschliche Miteinander würde aufhören, wenn wir ohne Job wären? ” (S. 30)

Forschungsergebnisse von E. P. Thompson werden präsentiert, Schritte in der Entwicklung von “Tätigkeiten” hin zum alles bestimmenden “Job”. Die Weber beispielsweise waren vor der Erfindung der Dampfmaschine größtenteils selbständig und arbeiteten, wann und wie sie wollten. Wo die Menschen ihr Arbeitsleben selbst unter Kontrolle hatten, wechselten Perioden intensiver Arbeit und der Muße. Das ist heute höchstens noch bei Künstlern, Kleinbauern und Studenten der Fall. Seit der Industrialisierung wurde der “Lebensqualität ein schrecklicher Schlag versetzt. Fröhliches Durcheinander, Arbeit im Einklang mit den Jahreszeiten, die Uhrzeit am Sonnenstand erkennen, Vielfalt, Abwechslung, Eigenregie: All das wurde durch eine brutale, genormte Arbeitskultur ersetzt, an deren Auswirkungen wir noch heute leiden.” (S. 34) “Der Kapitalismus hat den Job zu einer Religion gemacht, tragischerweise aber auch der Sozialismus.” (S. 42) – William Blake über den Schaden, den die industrielle Revolution angerichtet hat: “Und alle Künste des Lebens verwandelten sie in Künste des Todes”. (S. 353)

Hodgkinson resümiert die Rolle der Massenmedien: Sie propagieren die “Arbeits- und Konsumethik”, indem sie einerseits mit ihrer Berichterstattung Angst schüren, andererseits mit der Warenwerbung Lösungen anbieten (von Alarmanlagen und Versicherungen über Autos und Kühlschränke bis hin zu Sexberatung und Duftkerzen), für die man allerdings Geld, also einen Job braucht.

Oscar Wilde hat auf die Absurdität der Arbeit folgendermaßen hingewiesen: “Zu bedauern bleibt, dass ein Teil unserer Gemeinschaft praktisch im Zustand der Sklaverei dahinlebt, aber es wäre kindisch, dieses Problem dadurch lösen zu wollen, dass man die ganze Gemeinschaft in die Sklaverei zwingt.” (S. 43). Und er stellte lakonisch fest: “Es ist tragisch, dass so viele gutaussehende junge Männer ins Leben treten, um in einem nützlichen Beruf zu enden.” (Oscar Wilde, Sämtliche Erzählungen, Zürich 1981) – Dass dasselbe nun auch fürs weibliche Geschlecht gilt, nennt sich Emanzipation der Frau!

Aufschlussreich auch der Hinweis auf den ILO-Bericht von 2004, wonach durch Arbeit jährlich 2,2 Millionen Menschen bei Arbeitsunfällen und aufgrund arbeitsbedingter Krankheiten sterben. Weitere 270 Millionen Menschen erleiden jährlich Arbeitsunfälle; allein in Deutschland sind es rund eine Million, davon 20.000 mit besonders schweren Verletzungen. Viele Unfälle, auch im Auto-, LKW-, Flug- und Zugsverkehr haben überdies ihre Ursache schlicht in Schlafmangel! Angeblich auch der Supergau von Tschernobyl.

Flaneure und Schläfer

Gegen all diesen höllischen Nonsens setzt Hodgkinson so unterschiedliche Müßiggänger und Flaneure wie Sherlock Holmes und John Lennon, Baudelaire und Walter Benjamin, Victor Hugo und Jim Morrison, William Blake und Beethoven, sowie große Schläfer und Im-Bett-Schreiber wie Cicero, Horaz, Jonathan Swift, Rousseau, Voltaire, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Proust, Colette und Winston Churchill. Schön zu erfahren, welche der Philosophen und Künstler zu den sinnlichen Müßiggängern zählten! Die große Epoche der vornehmen flanerie in London war das 18. Jahrhundert, Dies spiegelte sich auch in den Namen der Zeitschriften wider, die in diesem literarischen Jahrhundert gegründet wurden: Spectator, Observer, Tatler (Plauderer), Wanderer, Rambler (Flaneur), Adventurer.

Für Walter Benjamin ist “der Müßiggang des Flaneurs … eine Demonstration gegen die Arbeitsteilung”. 1926 und 1927, als er in Paris lebte, entstand sein schon erwähntes “Passagen-Werk”, eine umfassende Sammlung alltäglicher Beobachtungen, kurze Reflexionen, Notizen zur Stadt- und Mentalitätsgeschichte von Paris im frühen 19. Jahrhundert, ein Klassiker der flanerie. Flanieren, das bedeutet für Benjamin, die Augen offen zu halten: “Aus der Haustür treten, als sei man gerade aus einem fremden Land angekommen; die Welt entdecken, in der man bereits lebt; den Tag so beginnen, als sei man gerade vom Schiff aus Singapur gestiegen und habe noch nie seine eigene Fußmatte oder die Leute auf dem Treppenabsatz gesehen … es ist dies, was die menschliche Natur vor dir enthüllt, unbekannt bis zu diesem Augenblick.” (S. 144) – Der Inbegriff des Flaneurs war Baudelaire, dessen Bedeutung sich Benjamin im “Passagen-Werk” ausführlich widmete. Er berichtete auch, dass es 1839 elegant war, beim Promenieren eine Schildkröte mit sich zu führen, was das “Tempo” des Flanierens in den Passagen veranschaulicht.

Ohne Geld viel Musik

Ein großes Manko des Buches sind inhaltliche Vereinfachungen, bedingt durch fehlende theoretische Analysen. Beispielsweise gibt es zwar historische Zitate, in denen die Maschine als Erleichterung bzw. als Ersatz für die menschliche Arbeitskraft genannt wird, aber der brisante springende Punkt in Sachen Arbeit bzw. Müßiggang kommt nicht zur Sprache: Während es bis dato nur gewissen gesellschaftlichen Kreisen vorbehalten war, ein müßiges Leben zu führen, wäre das heute aufgrund der enorm gestiegenen Produktivkraft allen Menschen auf der Welt möglich. Mit geringem personellen Aufwand könnten alle bestens versorgt werden, und es bliebe viel Zeit für ein Leben jenseits von Fremdbestimmung oder der reinen Reproduktion. Um dies tatsächlich zu verwirklichen, ist jedoch der Bruch mit der Waren-, Geld- und Arbeitsgesellschaft Voraussetzung. In einer befreiten Gesellschaft könnte der Schwerpunkt dann tatsächlich auf “Kunst und Leben” anstatt auf “Arbeit und Tod” liegen. Von ersterem ist im Buch viel die Rede. Kunst ist aber auch eine der schönsten Arten, Unnützes, Träume, Möglichkeiten bereits vorwegzunehmen.

Als Mangel kann auch empfunden werden, dass viele spannende Details oft zu wenig ausgeführt werden, wenngleich sie zum Weiterdenken und Weiterlesen anregen. Weiters mutet manches oberflächlich und trivial an und persönliche Muße-Vorlieben des Autors kommen mitunter als allgemein Gültiges daher. Begriffsklärungen gibt es keine: etwa bezüglich der gelegentlich auftauchenden “Anarchie”. Der Übersetzer Benjamin Schwarz, der in der Heyne-Ausgabe keinerlei Erwähnung findet, hat die zahllosen englischen Zitate offenbar nicht, wie bei Profis üblich, in einer deutschen Ausgabe nachgeschlagen, sondern selbst – unzureichend – übertragen. Es fehlt auch ein Namensregister und im Literaturverzeichnis das Ersterscheinungsjahr.

Jenen, die einen ersten Anstoß zum Müßigsein oder einen geschichtlichen Einblick in den Müßiggang wünschen, sei dieses Buch empfohlen, die anderen sollten lieber gleich zur zitierten Original-Literatur greifen oder sich dem Müßiggang selbst hingeben.

Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang, Heyne Verlag, München 2007, 360 Seiten, 8,95 Euro (D).

Quelle: Streifzüge

Wie gehaltvoll ist die Zeit?

14. April 2009
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Schon in jungen Jahren war mir klar, dass acht Stunden Arbeit am Tag neben Schlafen den Großteil meiner Lebenszeit ausmacht. In Frage stellte ich diese Tatsache nie, und so war mir als nächstes wenigstens klar, dass die Arbeit, die ich für meinen Lebensunterhalt ausführe – egal ob freiberuflich oder angestellt – mich wenigstens interessieren muss und die Rahmenbedingungen für mich stimmen müssen. Dies ließ sich für mich im vergangenen Jahrhundert auch realisieren, damit war im vergangenen Jahrhundert auch verbunden, das System und die sogenannten Werte unserer Gesellschaft nicht oder kaum in Frage in zu stellen.

Schleichend ist das gekippt, es begann mit der Aera Kohl, in deren Folge die Menschen auf die SPD setzten und dabei von Schröder und Konsorten wirtschaftsmarktliberal noch überholt wurden.

Was ist Zeit?

Gemeinhin versteht man darunter heute Uhrzeit und sie ist ein Gleichmacher unterschiedlicher natürlicher Zeiten. Natürliche Zeiten wie die zwischen Sonnenaufgang bis zum nächsten Sonnenaufgang und die für unsere Breitengrade typischen Jahreszeiten werden durch die Uhrzeit aufgehoben. Während alle frei lebenden Wesen sich diesen natürlichen Zeiten anpassen (dürfen), herrschen für den Menschen in unseren Breitengraden die gleichförmig tickenden Sekundenzeiger. So erklärt sich unter anderem auch, was vielen Menschen heute so fremd ist, die sogenannte „besinnliche Weihnachtszeit“? Die Menschen legen nicht mit Sonnenuntergang die Arbeit nieder. Auch schränkt die Jahreszeit nicht ihr Tätigsein ein. Kein Bauer hat je im Winter Felder bestellt. Während die Natur in eine Art Winterruhe (Winterschlaf) einkehren konnte, hatte der Mensch sich dazu zunehmend völlig antagonistisch zu verhalten.

Zeit als Maßeinheit

Die Uhrzeit ist eine Maßeinheit, die es ermöglichte, menschliches Sein und Handeln nach Dauer zu bewerten. Wie unnatürlich und damit unmenschlich diese Zeiteinheiten sind, wird am deutlichsten daran, wieviel Minuten ein ambulanter Pflegedienst für einzelne Pflegeeinheiten (Waschen, Kämmen, Umlagern usw.) überhaupt aufwenden DARF, um diese bezahlt zu bekommen. Jeglicher Mehraufwand für die fest definierten einzelnen Einheiten wird nicht vergütet.

Der Pflegebedürftige selbst wird damit auf die gleiche Stufe gestellt wie eine Ware am Fließband: jeder einzelne Handgriff darf die gesetzte Zeit nicht überschreiten, will man dem nächsten Kollegen am Fließband nicht in die Füße laufen. So argumentiert man auch bei der Pflege. „Verbraucht“ man zu viel Zeit bei einem Pflegebedürftigen, fehlt diese den nachfolgenden. Die Frage, ob entsprechend mehr Pflegepersonal nicht nur beschäftigt sondern auch bezahlt werden müsste, wird erst gar nicht erhoben. Es wird noch nicht einmal angedacht, ob man die gestatteten Zeiteinheiten verlängert, so dass dem Pfleger Luft bleibt.

Lebenszeit?

Abgesehen davon, dass einem versprochen wird, dass man sich nach einer festgesetzten Anzahl von Arbeitsjahren auf „wohlverdiente“ Rente oder Pension aus dem Arbeitsleben zurückziehen „darf“, sind die gesundesten Jahre dem Arbeitsleben zu verschreiben. Parallel wird immer mehr Arbeit gefordert. Viele finden schon nicht mehr in ihrer Vollzeitstelle ihr Auskommen und sind in Nebenjobs tätig. Das Maß an Zeit für andere gegen Geld wird ausgedehnt. Persönliche Bedürfnisse haben sich dem Zeitanspruch zur reinen Existenzsicherung zu beugen.

Das oben genannte Versprechen wird für immer weniger Menschen real, sei es, weil sie ihre Gesundheit in der Arbeit verschlissen haben, sei es, weil zunehmende Altersarmut immer mehr Menschen in Isolation und Ausgrenzung treibt. Schließlich kostet auch die Pflege sozialer Kontakte etwas und sei es eine Fahrkarte, oder einem Besucher ein Stück Kuchen oder ein Butterbrot anbieten zu können.

Wann ist Zeit gehaltvoll?

Als gehaltvolle Zeit definiere ich eine Zeit, die den vielseitigen Bedürfnissen eines Menschen nicht nur als (häufig nicht realisierbares) Versprechen in einer unabsehbaren Zukunft sondern in der Gegenwart gerecht wird. Und da wird es schwer für Maßeinheiten.

Bereits die grundlegenden Bedürfnisse sind unterschiedlich: der eine braucht durchschnittlich 8 Stunden, um ausgeschlafen zu sein, der andere 7 Stunden. Der eine Mensch ist ein guter Futterverwerter und kann Mengen essen, von denen ein anderer nur Übergewicht ansetzte. Der eine hat eine Familie und hat das Bedürfnis mehr von der Entwicklung seiner Kinder mitzubekommen, der andere hat einen kranken Partner, um den er sich mehr kümmern wollte. Ein Mensch, den seine Arbeit befriedigt, hat weniger Bedarf an Zeit für die Befriedigung ausgleichender und Zufriedenheit stiftender Bedürfnisse.

Ich möchte nicht wissen, wieviele Menschen an ihrem Lebensende die Frage stellen „Hätte ich doch …“ oder diese Frage verdrängen. Nach Maßeinheiten wie der Zeit lautet die an den Menschen gestellte Forderung „Funktioniere nach Normvorgaben“.

Wer kann das?

Václav Klaus am 19.02.2009 „Was sagt die heutige Zeit über Europas Zukunft“

11. April 2009

Quelle: http://www.klaus.cz/klaus2/asp/clanek.asp?id=DGRMsZRhCJeG (Anm.: 1. Hervorhebungen von mir, 2. Václav Klaus ist nicht der einzige (Wissenschaftler), der das Heraufbeschwören einer durch Menschen verursachten Klimaerwärmung anzweifelt. Links stehen unten)

Die Tendenzen, die ich heute in Europa sehe, sehe ich mit Augen von jemandem, der in der kommunistischen Ära eine erhöhte Empfindlichkeit zur Frage der Freiheit erworben hat. Auch deshalb halte ich die Freiheit für das Leitprinzip jener menschlichen Gesellschaft, in der man leben wollte. Ist das die Position von uns allen? Ich bin mir nicht sicher. Das Wort Freiheit wird von vielen relativ oft benutzt, die Frage aber ist, ob es auch ernst genommen wird. Ich habe Angst, dass es nicht der Fall ist. In einer Zeit, wenn das Ziel alles Strebens irgendein mythisches allumfassendes Gut ist, ist die Nachfrage nach Freiheit ungenügend.

Ich habe Angst auch davor, dass das nur wenige stört. Es könnte sein, dass man – mit dem Fall des Kommunismus und mit dem Verlust des Spiegels, den er dem Westen vorgehalten hat – das faktische Wesen unserer Zivilisation vergessen hat.

Welche sind die Tendenzen, die jeder, der sehen will, heute in Europa sieht? Es scheint mir, dass es in den letzten Jahren oder Jahrzehnten in Europa zu einer wichtigen, aber nicht genug verstandenen, analysierten und diskutierten Verschiebung gekommen ist. Die Richtung der Verschiebung an der Achse Bürger-Staat und an der Achse Markt-zentralistische Regulierung und Reglementierung war ganz anders als wir in den damaligen kommunistischen Ländern in dem glücklichen Moment des Falls des Kommunismus erwartet haben. Wir wollten näher am Bürger und am Markt und weiter vom Staat und seiner Regulierung sein als wir heute sind. Die formale Freiheit und Demokratie gibt es, aber in der Realität sehen wir ein mehr und mehr reguliertes System und Postdemokratie.

Im wirtschaftlichen Bereich sehe ich nicht nur die heutige Finanz- und Wirtschaftskrise, die eine dramatische, aber trotzdem „nur“ zyklische, d. h. kurz- und mittelfristige Erscheinung darstellt. Ich sehe auch eine, seit langer Zeit existierende Untergrabung der Vorbedingungen für eine gesunde Wirtschaft, für ein positives Wirtschaftswachstum und für die allgemeine Prosperität. Das postbismarcksche Sozialsystem und die ganz unnötige Verteuerung der Energie und die Begrenzung und Limitierung ihrer Angebots auf Basis von irrationellen environmentalistischen Vorstellungen bremsen die Wirtschaft. Ich bin mir nicht sicher, ob die europäische Wirtschaft die Anspruchbarkeit des heutigen Sozialsystems und den Angriff des Environmentalismus (Ökologismus) überstehen kann.

Der zweite Angriff ist relativ neu aber noch gefährlicher. Vor zwei Jahren habe ich ein Buch zu diesem Thema, zum Thema des Missbrauches der Hypothese der bevorstehenden Klimaänderungen für eine weitreichende Umgestaltung der menschlichen Gesellschaft geschrieben. Seit Dezember 2007 steht das Buch – unter dem Titel „Blauer Planet in grünen Fesseln. Was ist bedroht: Klima oder Freiheit?“ – auch in deutscher Sprache zur Verfügung. Meine, dort verteidigte Position kann man in der folgenden Weise zusammenfassen:

– das Klima wechselt permanent und seine gegenwärtige Entwicklung ist – historisch betrachtet – keine Ausnahme;

– wahrscheinlich steigt die Oberflächentemperatur der Erde in den letzten Jahrzehnten an, aber mit wichtigen Unterbrechungen (z. B. in den letzten zehn Jahren) und nur sehr langsam und leicht. Ihre bis heute existierende Steigerung ist mit Projektionen von Treibhausgasmodellen, auf die sich das IPCC (die Zwischenstaatliche Sachverständigengruppe über Klimaänderungen) stützt, offensichtlich ganz inkonsistent;

– es gibt – trotz aller Deklarationen von „true believers“ – keinen wissenschaftlichen Konsens über die Rolle der Faktoren, die die heutige Klimaänderung verursachen. Die CO2-Konzentration (und CO2-Emissionen) für den entscheidenden Faktor zu halten ist nicht berechtigt;

– die Konsequenzen der realistisch vorstellbaren (und wahrscheinlichen) Klimaänderungen werden in der relevanten Zukunft nicht so groß sein, um die Menschheit zu bedrohen;

– die Menschen werden die Konsequenzen der potenziellen zukünftigen Klimaänderungen mit Hilfe von ganz anderen Technologien und mit viel höherem Niveau von Reichtum und Wohlstand als heute lösen müssen. Ihre Anpassungsfähigkeit wird genügend sein;

– die Ambitionen, das globale Klima zu ändern, sind nicht nur unnötig. Sie stellen die Vergeudung der knappen Finanzmittel dar, die den Menschen zur Verfügung stehen;

– die Regulierung, Reglementierung und Steuerung der Gesellschaft und der Wirtschaft, die mit der Ideologie der globalen Erwärmung verbunden ist, wird uns in eine neue Unfreiheit führen, in eine neue, von oben organisierte und dirigierte Gesellschaft, wo der Mensch nur am Rande stehen wird.

Von dieser Perspektive sehe ich die heutige Klimadebatte in Europa als nichts anderes als eine neue Runde in der ewigen Kontroverse zwischen Liberalen und Etatisten über das richtige Ausmaß der Zentralisierung, Kontrollierung und Planung der menschlichen Aktivitäten, das heißt der Menschen.

Ich bin davon überzeugt, dass das alles mit der institutionellen Entwicklung der Europäischen Union verbunden ist. Dieses Thema wurde in den letzten Jahren meistens im Rahmen der Debatte über die Europäische Verfassung oder über den Lissabon-Vertrag diskutiert. Die Debatte sollte aber ehrlich geführt werden. Heute habe ich in Brüssel ganz eindeutig gesagt: Für uns, d. h. für die Tschechen, hatte der EU-Beitritt keine Alternative. Es existiert in unserem Lande keine relevante politische Kraft, die unsere EU-Mitgliedschaft in Frage stellen würde. Das zu sagen ist aber nur eine Hälfte meiner Aussage. Die zweite Hälfte sagt folgendes: Die Methoden und Formen der Europäischen Integration haben eine Reihe von Alternativen und Varianten. Das muss akzeptiert werden.

Den heute erreichten Status quo der institutionellen Anordnung der EU für ein für immer unkritisierbares Dogma zu halten, ist ein Fehler. Er steht im Gegensatz zur mehr als zwei Jahrtausende dauernden Geschichte der europäischen Zivilisation. Ein ähnlicher Fehler ist die apriorisch postulierte Voraussetzung der einzig möglichen und richtigen Zukunft der europäischen Integration, die die „ever-closer Union“, d. h. die tiefere und tiefere politische Integration der EU-Mitgliedsstaaten, darstellt. Eine solche „ever-closer Union“ führt zu Defekten, die man heute in Europa als demokratisches Defizit, als Accountabilitätsverlust, als Entscheidungen der Auserwählten, nicht gewählten, als Bürokratisierung und Technokratisierung der Entscheidungen, bezeichnet.

Wir sollten nicht die Befürchtungen der Bürger der einzelnen EU-Mitgliedsländer unterschätzen. Sie fühlen, dass ihre Angelegenheiten wieder anderswo und ohne sie entschieden werden, und dass sie keine Möglichkeit haben, diese Entscheidungen zu beeinflussen. Der Erfolg der Europäischen Union lag bisher auch darin, dass die Stimmenstärke jedes Mitgliedslandes das gleiche Gewicht trug. Das zu ändern, wäre ein Fehler. Wir sollten nicht die Entstehung solcher Situation zulassen, in der die Bürger der Mitgliedsländer mit dem Gefühl der Resignation leben würden, weil ihnen das EU-Projekt fremd wäre.

Wenn ich alle diese Tendenzen sehe, habe ich Angst um die Zukunft Europas. Und meine ernstgemeinte Frage ist: dürfen wir diesen angetretenen Kurs weiter fortsetzen oder brauchen wir eine deutliche Wende dieses Kurses? Meine Antwort ist klar. Ich bin der Meinung, dass eine Unterbrechung der heutigen Entwicklung notwendig ist, weil die passive Extrapolation der Gegenwart keine guten Perspektiven bringt. Die folgenden zwei Fragen müssen beantwortet werden:

1) Wird die heute so unterschätzte und geschädigte parlamentarische Demokratie weiter funktionieren? Wird sie die wachsende Bedeutung der verschiedenen NGOs überstehen? Wird sie die massive Verschiebung der Kompetenzen von Nationalstaaten auf die kontinentale Ebene überstehen, wo nur die quasipolitischen, technokratischen Entscheidungen gemacht werden können? Sehen die Anhänger der unendlichen Vertiefung des europäischen Uninfizierungsprozesses diese Gefahr nicht?

2) Wird eine genügend hohe Arbeits- und Leistungsmotivation trotz dem existierenden Sozialsystem, das auf die Immunisierung der Qualität des Lebens der Menschen von ihrer faktischen persönlichen Leistung basiert, bleiben? Werden die Menschen nicht ihren Arbeitseifer verlieren? Was werden die Folgen der Unbereitschaft der Europäer, manche weniger angenehme oder weniger inspirative Professionen auszuüben, die trotzdem ausgeübt werden müssen?

Ich glaube, dass meine Antworten auf diese Fragen für Sie, nach meiner heutigen Rede, am mindestens implizit bekannt und verständlich sind. Was aber jetzt – mehr als je zuvor – notwendig ist, ist die Fortsetzung der freien Diskussion. Diese freie Diskussion darf nicht als Angriff auf die Idee der europäischen Integration selbst interpretiert werden, wie ich das so oft erlebe. Unsere unfreiwillige Erfahrung des Lebens im autoritativen kommunistischen System hat uns gezeigt, dass ein freier Meinungsaustausch eine notwendige Bedingung für eine wirkliche, funktionierende Demokratie darstellt. Nur das kann die heutige Europäische Union freier, demokratischer und prosperierender machen.

Václav Klaus,
Rede im Rahmen des Projektes Herausforderung Zukunft, Christuskirche, Bochum,
19. Februar 2009

http://www.readers-edition.de/2007/09/25/die-zweifel-der-klimaforscher

http://www.liberalismus-portal.de/klimaschwindel.htm

http://uploader.wuerzburg.de/mm-physik/klima/cmodel.htm

http://www.klimaskeptiker.info/beitraege/labohm_skeptizismus.html

http://www.klimaskeptiker.info/

http://businessandmedia.org/articles/2008/20081218205953.aspx

http://www.klima-ueberraschung.de/index.php

http://www.faz.net/s/RubC5406E1142284FB6BB79CE581A20766E/Doc~E062705B8708E49B19065AAE32D1E442E~ATpl~Ecommon~Scontent.html

http://www.faz.net/s/RubC5406E1142284FB6BB79CE581A20766E/Doc~E7BEC8721C3B24D549BA97154C93990FB~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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